Ausgangslage
TKMS hat binnen weniger Tage gleich mehrere strategische Weichen gestellt, die über die reine Kurszahl hinausweisen. Am Mittwoch unterzeichnete das Unternehmen mit der Deutschen Marine einen Festvertrag über vier Fregatten der Klasse MEKO A-200 DEU, mit Option auf vier weitere Schiffe.
CEO Oliver Burkhard bezeichnete den Auftrag als den größten Überwasser-Deal der Firmengeschichte. Einen Tag zuvor hatte TKMS gemeinsam mit Kanada und Norwegen die Planungsphase für das U-Boot-Programm 212CD gestartet – TKMS gilt dabei als bevorzugter Lieferant für bis zu zwölf Einheiten für Kanada, mit einem geschätzten Bauvolumen von über 15 Milliarden Euro.
Parallel unterzeichnete TKMS mit dem spanischen Schiffbauer Navantia eine Absichtserklärung zum Ausbau der U-Boot-Partnerschaft, ein gemeinsamer Kooperationsrahmen soll bis Jahresende stehen.
Diese Entwicklungen kommen nicht isoliert. Der Kurssprung von 14,75 Prozent auf 99,30 Euro am vergangenen Donnerstag, ausgelöst durch die zweite Prognoseanhebung binnen sechs Monaten und starke Neunmonatszahlen, hat bereits ein neues Bewertungsniveau markiert.
Seither hat die Aktie um weitere 1,9 Prozent zugelegt und schloss am Freitag bei 105,00 Euro, nur 3,5 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 108,80 Euro. Der Auftragsbestand von 20,1 Milliarden Euro und die Serie an Vertragsabschlüssen der vergangenen Woche verschieben die Diskussion: Es geht nicht mehr nur darum, ob TKMS Aufträge gewinnt, sondern ob das Unternehmen sie auch abarbeiten kann.
Die entscheidende Frage
Der zentrale Faktor für die kommenden Quartale ist die Kapazitäts- und Margenfrage. TKMS hat die Umsatzwachstumserwartung für das laufende Geschäftsjahr auf 10 bis 12 Prozent angehoben, von zuvor 2 bis 5 Prozent, und erwartet nun eine operative EBIT-Marge von bis zu 6,5 Prozent.
Gleichzeitig stapeln sich mit den Fregatten für die Marine, dem 212CD-Programm für drei NATO-Partner und der Navantia-Kooperation gleich mehrere Großprojekte parallel.
Entscheidend wird sein, ob TKMS diese Aufträge fristgerecht und margenstabil umsetzen kann, ohne dass Werftkapazitäten oder Lieferketten zum Flaschenhals werden. Genau daran wird sich zeigen, ob die aktuelle Bewertung mit einer Marktkapitalisierung von 5,60 Milliarden Euro gerechtfertigt bleibt.
Bullisches Szenario
Gelingt TKMS die Umsetzung der Aufträge im angekündigten Zeit- und Kostenrahmen, dürfte sich die Neubewertung fortsetzen. Bernstein Research hob das Rating am Donnerstag von „Market-Perform“ auf „Outperform“ an und erhöhte das Kursziel von 76 auf 125 Euro.
Analyst Adrien Rabier begründete dies mit der jüngsten Auftragswelle und einer deutlichen Anhebung der Gewinnschätzungen bis 2030. Auch die Deutsche Bank erhöhte am selben Tag das Kursziel, von 110 auf 112 Euro, und bestätigte das „Buy“-Rating nach den Neunmonatszahlen.
Für das dritte Geschäftsquartal wies TKMS zudem einen Umsatz von 722 Millionen Euro aus, deutlich über der Konsensschätzung von 622 Millionen Euro. Sollte sich dieses Tempo bei Auftragsumsetzung und operativer Marge fortsetzen, während gleichzeitig die geopolitische Nachfrage nach Marineausrüstung anhält, hätte TKMS eine tragfähige Basis für weiteres Wachstum über mehrere Jahre.
Bärisches Szenario
Das Risiko liegt in der Kombination aus operativer Überdehnung und einer bereits sehr sportlichen Bewertung. Die Aktie notiert 28 Prozent über ihrem 200-Tage-Durchschnitt, der RSI von 74,9 signalisiert eine überkaufte Marktlage, und die annualisierte Volatilität von 51 Prozent zeigt, wie nervös der Handel auf neue Nachrichten reagiert.
Mehrere Großprojekte gleichzeitig – Fregatten, U-Boote für Kanada, die Navantia-Kooperation – bergen die Gefahr von Verzögerungen oder Kostenüberschreitungen, wie sie in komplexen Marineprogrammen keine Seltenheit sind.
Zudem bleibt ThyssenKrupp mit 51 Prozent Mehrheitsaktionär; der Konzern erklärte zwar, die Beteiligung derzeit nicht weiter reduzieren zu wollen, ein struktureller Überhang durch den Großaktionär bleibt aber ein latentes Thema für die Aktie. Sollte sich in den kommenden Quartalsberichten zeigen, dass die Margenziele nicht zu halten sind, dürfte die Korrektur schnell und heftig ausfallen.
Ausblick
Solange TKMS die avisierte EBIT-Marge von bis zu 6,5 Prozent liefert und der Auftragsbestand von 20,1 Milliarden Euro sich in tatsächlichen Umsätzen niederschlägt, dürfte die positive Dynamik anhalten und weitere Analystenanhebungen nach sich ziehen.
Kippt jedoch die operative Umsetzung – etwa durch Verzögerungen bei den Fregatten oder Komplikationen im 212CD-Programm – droht angesichts der bereits eingepreisten Erwartungen ein deutlicher Rücksetzer.
Der bis Jahresende angestrebte Kooperationsrahmen mit Navantia sowie der Fortgang der Planungsphase für das kanadische U-Boot-Programm dürften die nächsten konkreten Prüfsteine sein, an denen sich die Tragfähigkeit der aktuellen Bewertung entscheidet.
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