Es gibt Wochen, in denen sich der Rüstungssektor anfühlt wie ein Schachbrett, auf dem plötzlich alle Figuren gleichzeitig ziehen. Genau in so einer Woche steckt TKMS gerade.
Anfang September haben TKMS und Fincantieri ein Memorandum of Understanding unterzeichnet, das die U-Boot-Kooperation der beiden Werften in Europa vertiefen soll – ein Rahmenabkommen soll bis Jahresende folgen. Von einer Fusion oder gegenseitigen Beteiligung ist ausdrücklich keine Rede, aber die Botschaft ist trotzdem klar: Europas Unterwasser-Rüstungsindustrie sortiert sich neu.
Das eigentlich Interessante daran ist nicht die Ankündigung selbst, sondern das Muster dahinter. TKMS führt mittlerweile parallel gleich mehrere Gespräche über die eigenen Schiffsklassen 212A und 212 NFS – mit Fincantieri, aber auch mit dem spanischen Rüstungskonzern Navantia.
Cartagena, die spanische Werftstadt mit über 30 gebauten U-Booten in der Geschichte, verhandelt mit TKMS über eine mögliche eigene U-Boot-Fertigung; auch hier soll ein Rahmenabkommen bis Ende des Jahres stehen, ein konkretes Bootsmodell oder ein Bauvertrag existiert aber noch nicht.
Man könnte fragen: Warum verhandelt TKMS gleichzeitig mit zwei potenziellen Konkurrenten über ähnliche Themen? Die Antwort liegt vermutlich in der schieren Auftragsflut, die europäische Marinen derzeit auslösen – niemand kann sie allein bedienen.
Ein Vertrag, der schon Substanz hat
Während die MoUs mit Fincantieri und Navantia noch Absichtserklärungen sind, liefert das laufende U212-NFS-Programm bereits harte Zahlen. Vier Boote sind vorgesehen, rund 1.600 Tonnen Verdrängung, 29 Mann Besatzung.
Im Juli wurde der OCCAR-Vertrag geändert: Das vierte Boot soll nun schon 2032 statt erst 2034 fertig sein, für ein Volumen von 317 Millionen Euro. Ab 2029 soll dann jährlich ein Boot ausgeliefert werden. Das ist der Unterschied zwischen Diplomatie und Geschäft – die MoUs sind das Netzwerk, das Programm ist der Cashflow.
Die Frage, die sich für Anleger stellt, ist nicht, ob Europa aufrüstet – das tut es sichtbar, von der Eurosatory in Paris bis zur Frage nach mehr Munitionsproduktion in Deutschland.
Die eigentliche Frage lautet: Wer sichert sich die Werftkapazitäten, wenn gleich mehrere Marinen gleichzeitig bestellen wollen? TKMS positioniert sich gerade als der Knotenpunkt, über den ein Großteil dieser Nachfrage laufen könnte – über Kooperationen statt über den Versuch, alles selbst zu bauen.
Der Kurs spiegelt die Nervosität der Branche
An der Börse zeigt sich diese Gemengelage in einer auffällig hohen Schwankungsbreite: Die annualisierte 30-Tage-Volatilität der TKMS-Aktie liegt bei 50 Prozent. Der Kurs notiert aktuell bei 83,90 Euro und damit rund 23 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 108,80 Euro, das im August erreicht wurde.
Seit Jahresbeginn steht dennoch ein Plus von 27 Prozent zu Buche – ein Beleg dafür, dass der grundsätzliche Rüstungs-Aufwärtstrend intakt bleibt, auch wenn einzelne Monate wie der vergangene mit einem Minus von 13 Prozent für Nervosität sorgen.
Diese Diskrepanz zwischen langfristigem Optimismus und kurzfristiger Unsicherheit passt gut zur aktuellen Nachrichtenlage: MoUs und Rahmengespräche sind Versprechen auf die Zukunft, keine gebuchten Aufträge. Der Markt honoriert die strategische Ausrichtung, bleibt aber vorsichtig, solange aus Absichtserklärungen keine unterschriebenen Bauverträge werden.
Am Ende bleibt die eigentliche Erzählung dieselbe wie in den vergangenen Monaten, nur mit mehr Beteiligten: Europa braucht mehr U-Boote, schneller, als einzelne Werften sie bauen können. Fincantieri, Navantia und TKMS verhandeln deshalb parallel über Arbeitsteilung statt Konkurrenz. Ob daraus am Jahresende tatsächlich belastbare Rahmenverträge werden, wird sich zeigen – die kommenden Monate dürften dafür der entscheidende Prüfstein sein.
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