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Thyssenkrupp- vs. Salzgitter-Aktie: Stahlriesen im Überlebenskampf

Die deutschen Stahlkonzerne Thyssenkrupp und Salzgitter verfolgen mit Portfoliozerlegung und grüner Transformation unterschiedliche Wege aus der Krise. Beide Aktien notieren weit unter Buchwert.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Beide Aktien notieren deutlich unter ihrem Buchwert
  • Thyssenkrupp setzt auf Verkäufe und stille Reserven
  • Salzgitter investiert Milliarden in grüne Stahlproduktion
  • Analysten sehen Aufwärtspotenzial für beide Werte

Zwei Konzerne, ein Rohstoff, völlig verschiedene Strategien. Während Thyssenkrupp sein Konglomerat zerlegt und stille Reserven heben will, investiert Salzgitter Milliarden in grünen Stahl. Beide Aktien notieren weit unter Buchwert — und beide stehen unter enormem Druck. Welcher Weg führt aus der Krise?

Kursentwicklung: Rot auf ganzer Linie

Die vergangene Woche hat beiden Titeln zugesetzt. Thyssenkrupp schloss bei 7,80 EUR, Salzgitter bei 38,50 EUR — ein Tagesverlust von 2,73 %. Seit Jahresbeginn hat Thyssenkrupp rund 15 % verloren. Salzgitter traf es härter: Minus 21 %. Im Monatsvergleich wird das Bild noch drastischer. Salzgitter büßte über 35 % ein, Thyssenkrupp knapp 19 %. Beide Werte hinken dem MDAX deutlich hinterher.

ZeitraumThyssenkruppSalzgitter AGMDAX
1 Woche-4,00 %-2,23 %-1,10 %
1 Monat-18,50 %-35,56 %-4,20 %
1 Jahr+14,83 %+34,24 %+8,90 %
YTD-14,81 %-20,82 %-2,50 %

Auf Jahressicht zeigt sich allerdings ein anderes Bild: Salzgitter liegt mit über 34 % Plus deutlich vorn, Thyssenkrupp kommt auf knapp 15 %. Der jüngste Ausverkauf hat die Gewinne bei Salzgitter stärker erodiert — ein Zeichen für die höhere Nervosität der Investoren beim kleineren der beiden Konzerne.

Bewertung: Historische Tiefstände bei beiden

Beide Aktien handeln zu Bruchteilen ihres Buchwerts. Thyssenkrupp kommt auf ein KBV von 0,22, Salzgitter auf 0,25. Der Sektordurchschnitt liegt bei 0,65. Solche Abschläge signalisieren: Der Markt traut den Bilanzen nicht — oder er preist massive Transformationsrisiken ein.

KennzahlThyssenkruppSalzgitter AGSektor
KGV (Forward 2026e)8,513,210,4
EV/EBITDA3,14,25,5
KBV0,220,250,65
Dividendenrendite (e)1,92 %0,65 %2,80 %
Free Cash Flow Yield12,4 %4,8 %7,1 %

Thyssenkrupp wirkt auf den ersten Blick günstiger. Das Forward-KGV von 8,5 liegt unter dem Sektorschnitt, die Free-Cash-Flow-Rendite von 12,4 % ist bemerkenswert hoch. Der Grund: Desinvestitionen spülen Geld in die Kasse, während Salzgitter seine Mittel in den Umbau steckt. Die FCF-Marge von Salzgitter liegt bei mageren 1,2 % — gegenüber 3,4 % bei Thyssenkrupp.

Strategischer Kontrast: Zerlegen gegen Transformieren

Hier trennen sich die Wege fundamental. Thyssenkrupp schrumpft sich gesund. Der Konzern reduziert seine Abhängigkeit vom klassischen Stahlgeschäft und setzt auf werthaltige Nischen. Die Sparte Marine Systems — spezialisiert auf U-Boot-Technologie — erzielt operative Margen von über 6 %. Ein Teilverkauf oder Börsengang von TKMS könnte stille Reserven von geschätzten 2,5 Milliarden EUR freisetzen. Pro Aktie entspräche das etwa 3,50 EUR — fast die Hälfte des aktuellen Kurses.

Salzgitter geht den entgegengesetzten Weg. Statt zu verkaufen, investiert das Unternehmen massiv. Das SALCOS-Programm zur Dekarbonisierung verschlingt Kapital: Die CAPEX-Quote liegt bei über 12 %, verglichen mit 8 % bei Thyssenkrupp. Erste Abnahmeverträge mit der Automobilindustrie für grünen Stahl existieren bereits, staatliche Förderungen fließen. Kurzfristig drückt das auf die Profitabilität. Langfristig könnte es Salzgitter einen Wettbewerbsvorteil verschaffen, den kein Konkurrent leicht kopiert.

Bilanzstärke: Unterschiedliche Sicherheitsnetze

Thyssenkrupp verfügt über eine stabile Netto-Cash-Position in der Holding. Das gibt Spielraum — für Restrukturierungen, Segmentverkäufe und die Überbrückung schwacher Quartale. Die EPCG-Beteiligung von 20 % an der Stahlsparte wirkt zusätzlich als Stabilisator für die defizitären Stahlaktivitäten.

Salzgitter sichert sich anders ab. Die strategische Beteiligung von 29,9 % am Kupferkonzern Aurubis deckt einen signifikanten Teil der eigenen Marktkapitalisierung ab. Ein versteckter Wert, der in schwachen Stahlphasen als Puffer dient. Die Eigenkapitalquote von 45,6 % ist solide — notwendig, um die Milliarden-Investitionen in SALCOS zu stemmen, ohne in Schieflage zu geraten. Der Verschuldungsgrad (Net Debt/EBITDA) von 1,8 ist allerdings spürbar höher als bei Thyssenkrupp.

Risikoprofil: Gemeinsame Feinde, unterschiedliche Flanken

Energiekosten und asiatischer Importdruck treffen beide gleichermaßen hart. Die Volatilität beider Titel liegt mit 34 % (Thyssenkrupp) und 38,5 % (Salzgitter) weit über dem MDAX-Durchschnitt von 21 %. Beide weisen ein Beta von über 1,6 auf — nichts für schwache Nerven.

Thyssenkrupp trägt das zusätzliche Risiko seiner Abhängigkeit von der Automobilkonjunktur. Rund 30 % des Umsatzes entfallen auf Materials Services, weitere Anteile auf Automotive Technology. Schwächelt die Autoindustrie, trifft es Thyssenkrupp überproportional. Salzgitter ist stärker dem Rohstoffzyklus ausgesetzt, profitiert aber von der Diversifikation durch Aurubis in den Kupfermarkt.

Die Analysten sehen bei beiden Aufwärtspotenzial. JP Morgan taxiert Thyssenkrupp auf 10,10 EUR, Jefferies sogar auf 13,00 EUR. Für Salzgitter liegt das durchschnittliche Kursziel bei 44,88 EUR — ein Aufschlag von rund 18 % zum aktuellen Kurs.

Scorecard: Punktsieg für Thyssenkrupp — knapp

KriteriumThyssenkruppSalzgitter AG
Gesamtscore61/10058/100
KernstärkeNetto-Liquidität, TKMS-OptionswertAurubis-Beteiligung, Green-Steel-Vorreiter
KernschwächeKomplexe RestrukturierungHoher CAPEX, geringer FCF

Der Vorsprung von drei Punkten resultiert primär aus der höheren Cash-Sicherheit und dem größeren Bewertungsabschlag zum Buchwert. Beide Scores bleiben im mittleren Bereich — Ausdruck der erheblichen Unsicherheiten, die auf beiden Titeln lasten.

Substanz oder Transformation — eine Frage der Überzeugung

Wer an die Kraft radikaler Portfoliobereinigung glaubt, findet in Thyssenkrupp die konsequentere Wette. Ein erfolgreicher TKMS-Exit könnte den Kurs sprunghaft nach oben katapultieren. Das Risiko: Die Restrukturierung zieht sich, und das Stahlgeschäft frisst weiter Kapital.

Wer auf den industriellen Megatrend Dekarbonisierung setzen will, greift zu Salzgitter. SALCOS ist ambitioniert, die Aurubis-Beteiligung bietet Substanz. Der Preis dafür: Jahre mit gedämpftem Free Cash Flow und eine magere Dividende von 0,65 %.

Beide Aktien sind keine Investments für die nächsten drei Monate. Sie sind Wetten auf grundlegend verschiedene Zukunftsvisionen der deutschen Stahlindustrie — mit einem Zeithorizont von mindestens zwölf Monaten und der Bereitschaft, erhebliche Schwankungen auszuhalten.

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