Ausgangslage
Thyssenkrupp hat am heutigen Donnerstag Zahlen für das dritte Geschäftsquartal vorgelegt, die die Aktie auf ein Mehrjahreshoch trieben. Der Kurs springt um 7,8 Prozent auf 13,32 Euro und kratzt damit fast am 52-Wochen-Hoch von 13,34 Euro, das erst am 10. Oktober markiert wurde. Seit Jahresbeginn steht damit ein Plus von 44 Prozent, auf Zwölfmonatssicht sind es 37 Prozent.
Der Auslöser: Das bereinigte EBIT stieg um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro, der Umsatz kletterte um 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro. Der Konzern kehrte mit einem Nettogewinn von 34 Millionen Euro nach einem Verlust von 255 Millionen Euro im Vorjahresquartal in die schwarzen Zahlen zurück – wenn auch mit Rückenwind durch einen positiven Bilanzeffekt von 131 Millionen Euro aus dem Verkauf der Hüttenwerke Krupp Mannesmann (HKM) an Salzgitter.
Der Vorstand hob die Jahresprognose für das bereinigte EBIT auf eine Spanne von 600 bis 900 Millionen Euro an, zuvor lag die Untergrenze bei 500 Millionen.
Auch beim Nettoverlust wurde die Obergrenze von 800 auf maximal 700 Millionen Euro verbessert. Zusätzlich befeuerte die Marinesparte TKMS die Stimmung: Sie hob ihre Umsatzprognose auf 10 bis 12 Prozent Wachstum an, ihre Aktie legte zeitweise um 15 Prozent zu, gestützt von einem Auftragsbestand von 20,1 Milliarden Euro.
Die entscheidende Frage
Der Knackpunkt der Berichtssaison liegt in einer einzigen Diskrepanz: Das bereinigte EBIT von 183 Millionen Euro verfehlte den Analystenkonsens von 207 Millionen Euro, die Marge blieb mit 2,1 Prozent unter der erwarteten Marke von 2,4 Prozent. Damit stellt sich für Anleger die zentrale Frage, ob der operative Fortschritt bei Stahl, TKMS und Materialhandel schnell genug kommt, um die anhaltende Schwäche im Automotive-Geschäft zu kompensieren – oder ob die Prognoseanhebung vor allem von Sondereffekten wie dem HKM-Verkauf getragen wird.
JPMorgan reagierte am heutigen Tag mit einer Einstufung auf „Neutral“ und signalisiert damit, dass die Bank die Story vorerst als ausgereizt betrachtet.
Bullisches Szenario
Für die Optimisten sprechen mehrere Datenpunkte. Steel Europe hat sein Ergebnis auf 73 Millionen Euro mehr als verdoppelt, verglichen mit 31 Millionen Euro im Vorjahr – ein Zeichen, dass der Stahlturnaround greift, bevor im September der angekündigte Kapitalmarkttag der Sparte weitere Details liefern soll.
TKMS liefert mit einem 9-Monats-Umsatzplus von 19 Prozent und einem prall gefüllten Auftragsbuch den Beweis, dass die Rüstungssparte zum Wachstumsmotor wird. Auch der geplante Börsengang der Wasserstoff- und Anlagenbau-Sparte TK Accelis, der Ende Oktober vollzogen werden soll, könnte als Katalysator wirken und stille Werte sichtbar machen.
Gelingt die geplante Verselbstständigung der Sparten mit eigenen Kreditlinien, wie sie laut Handelsblatt angestrebt wird, würde das den Umbau zur Finanzholding unter CEO Miguel López weiter untermauern.
Bärisches Szenario
Die Risiken sind ebenso konkret. Der Auftragseingang des Gesamtkonzerns brach im Quartal um 25 Prozent auf 7,7 Milliarden Euro ein – ein Rückgang, der sich in kommenden Quartalen in schwächeren Umsätzen niederschlagen könnte.
Das Automotive-Segment bleibt laut Konzernangaben schwach, während die Kernmarge im Stahlgeschäft weiterhin hinter den Erwartungen zurückbleibt. Die verfehlte EBIT-Marge zeigt, dass die operative Verbesserung fragiler ist, als die Kursreaktion suggeriert.
Mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 38 Prozent und einem RSI von 67,5 nähert sich die Aktie technisch überkauften Zonen, der Kurs liegt bereits 15 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt. Ein Rückschlag bei der geplanten TK-Accelis-Notierung oder eine erneute Auftragsflaute im Stahlgeschäft könnte die Bewertung rasch relativieren.
Ausblick
Solange TKMS und Steel Europe ihre operative Dynamik halten und der für Ende Oktober geplante TK-Accelis-Börsengang wie vorgesehen vollzogen wird, dürfte die Neubewertung der Aktie tragfähig bleiben – zumal der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 30 Prozent zeigt, wie stark sich das Sentiment bereits gedreht hat.
Kippt dagegen der Auftragseingang weiter ab oder bleibt die Marge im Stahlgeschäft trotz des für September angesetzten Kapitalmarkttags unter den Erwartungen, dürfte die Skepsis, wie sie JPMorgan mit der Neutral-Einstufung bereits andeutet, an Gewicht gewinnen.
Der Kapitalmarkttag von Steel Europe im September und der Vollzug des TK-Accelis-Börsengangs Ende Oktober bleiben damit die nächsten Prüfsteine, an denen sich zeigen wird, ob der Umbau des Konzerns die aktuelle Bewertung rechtfertigt.
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