Thyssenkrupp ist binnen eines Jahres von 7,10 Euro auf 15,20 Euro geklettert. Wer nur auf den Chart schaut, sieht eine Zockerrally. Wer genauer hinschaut, erkennt: Diesmal steckt tatsächlich ein Plan dahinter – und das macht für mich den Unterschied.
Die Zahlen sind mehr als ein Strohfeuer
Das dritte Quartal des laufenden Geschäftsjahres lieferte, was Anleger lange vermisst hatten: ein bereinigtes EBIT, das um 18 Prozent auf 183 Millionen Euro stieg, ein positives Nettoergebnis, dazu ein Umsatzplus von 8 Prozent auf 8,8 Milliarden Euro, getragen vom Werkstoffgeschäft.
In der Folge hob der Konzern seine Jahresprognose an – das EBIT soll nun zwischen 600 und 900 Millionen Euro liegen, vorher lag die Untergrenze bei 500 Millionen.
Auch der erwartete Nettoverlust fällt mit minus 700 bis minus 400 Millionen Euro günstiger aus als zuvor angenommen. Das ist vor gut drei Wochen passiert, der Kurs legte seither um 13,9 Prozent zu. Für mich ist das keine Übertreibung, sondern eine überfällige Neubewertung eines Konzerns, der lange unter seinem Substanzwert gehandelt wurde.
Am vergangenen Donnerstag kam ein zweiter, ganz anderer Impuls hinzu: ArcelorMittal beendete die Stahlproduktion in Duisburg. Der Kurs von Thyssenkrupp legte seither um 6,0 Prozent zu – ein Konkurrent verschwindet vom deutschen Markt, das verschiebt Marktanteile und Preissetzungsmacht zugunsten der verbliebenen Anbieter. Beide Ereignisse sind mittlerweile eingepreist, verdienen aber Erwähnung, weil sie das Fundament der aktuellen Bewertung bilden.
Der eigentliche Hebel heißt tk accelis
Was mich an der aktuellen Situation stärker überzeugt als jede Quartalszahl, ist die Strukturentscheidung vom 7. August. Die außerordentliche Hauptversammlung genehmigte die Abspaltung der Sparte tk accelis mit einer Zustimmung von 99,99 Prozent.
Die Finanzierung von 1,7 Milliarden Euro steht, die Börsennotierung im Prime Standard Frankfurt ist für Ende Oktober terminiert, 49 Prozent gehen an die Aktionäre, Thyssenkrupp behält 51 Prozent. Das ist kein kosmetischer Schritt – es ist eine echte Entflechtung, die dem Markt erlauben dürfte, die einzelnen Sparten endlich getrennt zu bewerten, statt sie im Konglomeratsabschlag zusammenzuwerfen.
Parallel dazu treibt der Konzern den Rückzug aus dem Hüttenwerk Krupp Mannesmann voran, der HKM-Ausstieg ist für Juli 2026 vorgesehen. Im September steht zudem ein Capital Markets Day in London an, der Transparenz über die Stahlsparte Steel Europe schaffen soll.
Genau hier liegt für mich die eigentliche Investmentgeschichte: Nicht die Frage, ob der Stahlmarkt kurzfristig anzieht, sondern ob Thyssenkrupp es schafft, sich in bewertbare, eigenständige Einheiten aufzulösen.
Analysten ziehen mit, aber die Bewertung wird ambitioniert
Die DZ Bank hob ihr Rating am 21. August von Hold auf Buy und das Kursziel von 11 auf 16 Euro an. Einen Tag zuvor erhöhte BofA das Kursziel von 19 auf 22 Euro und bestätigte die Kaufempfehlung. Diese Einschätzungen datieren beide vor gut zwei Wochen und spiegeln damit noch eine relativ frische Sicht auf den Konzern.
Trotzdem mahne ich zur Vorsicht bei der technischen Lage: Der Relative-Stärke-Index steht bei 68,8, die Aktie notiert 21 Prozent über ihrem 50-Tage-Durchschnitt und nur noch 0,7 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch.
Die annualisierte Volatilität von 48 Prozent zeigt, wie nervös der Markt das Papier aktuell handelt. Eine Verschnaufpause nach dem Anstieg seit Jahresbeginn von 63 Prozent wäre keine Überraschung.
Mein Fazit
Unterm Strich überwiegen für mich die strukturellen Argumente die kurzfristigen Risiken. Die Kombination aus operativer Verbesserung, angehobener Guidance und einer echten Aufspaltung mit fixiertem Zeitplan unterscheidet diese Rally von früheren Kurssprüngen bei Thyssenkrupp, die meist im Sand verliefen.
Die Bewertung ist nach dem Lauf der vergangenen Wochen anspruchsvoller geworden – wer die Story kaufen will, sollte sich auf Rücksetzer einstellen und den Capital Markets Day im September sowie die tk-accelis-Notierung Ende Oktober als nächste echte Prüfsteine im Blick behalten.
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