Thyssenkrupp steht vor dem größten Portfolioschnitt seiner Geschichte. Im Juni entscheidet sich, ob die Werkstoffhandelssparte Materials Services abgespalten, an die Börse gebracht oder verkauft wird — und der Zeitplan verdichtet sich.
Materials Services: Milliardenprojekt mit offenem Ausgang
Materials Services ist kein kleiner Randbereich. Die Sparte erzielte zuletzt einen Jahresumsatz von 11,4 Milliarden Euro und beschäftigt mehr als 15.000 Mitarbeiter. Sie bündelt Stahl, Kunststoffe und Logistik.
Der Aufsichtsrat hat das Thema bereits am 20. Mai beraten. Am 16. Juni tagt er erneut. Laut Reuters-Berichten prüft Thyssenkrupp eine außerordentliche Hauptversammlung im Sommer — Einladungen könnten schon im Juni verschickt werden, der Termin läge Ende Juli oder Anfang August.
Drei mit der Sache vertraute Personen nennen drei mögliche Wege: Abspaltung, Börsengang oder Verkauf. Diskutiert wird auch eine Struktur als Kommanditgesellschaft auf Aktien. Diese würde dem Mutterkonzern auch nach einem Anteilsverkauf die Kontrolle sichern.
Nach dem Nucera-Börsengang 2023 und dem Marine-Systems-Spin-off im Oktober 2025 wäre dies der dritte große Schnitt. Der bislang größte.
EU-Stahlschutz: Konkrete Entlastung ab Juli
Ab 1. Juli 2026 greifen neue EU-Schutzmaßnahmen für den Stahlmarkt. Die zollfreien Einfuhrquoten sinken auf 18,3 Millionen Tonnen pro Jahr — ein Rückgang um 47 Prozent gegenüber 2024. Wer die Quote überschreitet, zahlt künftig 50 Prozent Zoll statt bisher 25 Prozent.
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Das Europäische Parlament hat die Verordnung am 19. Mai verabschiedet. Die Zustimmung des Rats gilt nach dem abgeschlossenen Trilogverfahren als Formsache.
Hinzu kommt Bewegung beim Elektroband-Segment. Es fällt bislang nicht unter die geplanten Quotenkürzungen. Thyssenkrupp hat die EU-Kommission aufgefordert, eine eigene Schutzmaßnahmenuntersuchung einzuleiten — die Kommission hat dies inzwischen getan.
Operativer Umbau auf mehreren Spuren
Parallel läuft der Konzernumbau weiter. Seit dem 1. Mai 2026 ist die Thyssenkrupp Calvion GmbH aktiv. Sie bündelt nachhaltige Prozesstechnologien von Thyssenkrupp Polysius — darunter Oxyfuel-Anwendungen und andere CO₂-reduzierende Lösungen. Das Team umfasst rund 40 Mitarbeiter.
Im Stahlbereich bleibt die Lage angespannt. Gespräche mit Jindal Steel über einen möglichen Einstieg sind vorerst pausiert. Thyssenkrupp hält eine eigenständige Lösung für Steel Europe als Ziel fest. Der Verkauf des HKM-Anteils an Salzgitter soll zum 1. Juni abgeschlossen werden.
Der operative Ausblick bleibt vorsichtig. Thyssenkrupp erwartet einen negativen Free Cashflow von bis zu 600 Millionen Euro im laufenden Geschäftsjahr. Das bereinigte EBIT-Ziel liegt bei bis zu 900 Millionen Euro. Die Umsatzprognose wurde leicht gesenkt: Der Konzern rechnet nun mit einem Rückgang zwischen drei Prozent und null.
Die Aktie spiegelt die Erwartungen wider. Sie notiert bei 11,72 Euro — ein Plus von rund 39 Prozent gegenüber dem Vorjahresniveau. Seit dem 52-Wochen-Tief von 7,15 Euro im März hat sich der Kurs um fast 64 Prozent erholt.
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