Bei Thyssenkrupp verdichten sich die Ereignisse. Nur zwei Wochen vor der außerordentlichen Hauptversammlung zur Abspaltung der Werkstofftochter tk accelis meldet der Konzern gleich mehrere Nachrichten: einen Rückzieher der Marinesparte TKMS, eine aufgestockte Beteiligung des französischen Vermögensverwalters Amundi und den endgültigen Vollzug des HKM-Verkaufs an die Salzgitter AG. Die Aktie schloss am Freitag bei 12,24 Euro, ein Plus von 2,51 Prozent zum Vortag. Seit Jahresbeginn steht damit ein Kursgewinn von 31,98 Prozent zu Buche.
TKMS zieht sich aus Kiel-Übernahme zurück
Die Marinesparte Thyssenkrupp Marine Systems hat ihr unverbindliches Angebot für die Übernahme von German Naval Yards Kiel am 21. Juli zurückgezogen. Als Grund nennt Reuters fehlende Einigungen mit dem Eigentümer CMN Naval über die Transaktionskonditionen. Der Schritt bremst vorerst die Konsolidierungspläne im deutschen Marineschiffbau, den TKMS als eigenständige, inzwischen abgespaltene Sparte vorantreiben wollte. Für die geplante Expansion bedeutet der Rückzug einen Dämpfer, ändert aber nichts an der grundsätzlichen Ausrichtung der Sparte auf Wachstum im Rüstungsgeschäft.
Aktionäre entscheiden am 7. August über tk accelis
Im Zentrum der Anlegeraufmerksamkeit steht weiterhin der geplante Börsengang der Werkstoffsparte tk accelis, vormals Materials Services. Auf einem Kapitalmarkttag am 20. Juli konkretisierte die Tochter ihre mittelfristigen Ziele: eine EBITDA-Marge von 4 bis 5 Prozent sowie ein jährliches Umsatzwachstum von mehr als 4 Prozent. Thyssenkrupp will nach dem für Ende 2026 geplanten Listing eine Mehrheit von 51 Prozent an der neuen Gesellschaft behalten. Über die Abspaltung selbst entscheidet eine außerordentliche Hauptversammlung am 7. August.
Die Deutsche Bank stufte die Aktie am Mittwoch weiterhin mit „Buy“ ein und hob das Kursziel von 14,50 auf 16,00 Euro an. Analyst Bastian Synagowitz begründete den Schritt mit dem Wertpotenzial des tk-accelis-Spin-offs, der aus seiner Sicht zusätzliches Aufwärtspotenzial von rund 2,00 Euro je Aktie rechtfertige. Der Kurs notiert derzeit rund 7,59 Prozent unter dem bei 13,24 Euro markierten 52-Wochen-Hoch vom Oktober vergangenen Jahres – die Spanne zum Kursziel bleibt damit trotz der jüngsten Rally deutlich.
Amundi baut Position aus
Parallel zur Debatte über den Konzernumbau meldete Thyssenkrupp am Freitag eine Stimmrechtsmitteilung nach dem Wertpapierhandelsgesetz: Der französische Vermögensverwalter Amundi S.A. erhöhte seine Beteiligung am 20. Juli von 4,69 auf 5,06 Prozent der Stimmrechte. Der Aufstockung eines institutionellen Investors kurz vor einer wegweisenden Hauptversammlung kommt in der aktuellen Umbauphase besondere Bedeutung zu, auch wenn sie für sich genommen keine strategische Absicht erkennen lässt.
Stahlgeschäft: HKM-Verkauf vollzogen, EU verschärft Importregeln
Im klassischen Stahlgeschäft hat Thyssenkrupp einen weiteren Schritt der Portfoliobereinigung abgeschlossen: Der Konzern veräußerte seine 50-prozentige Beteiligung an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann endgültig an den Mitgesellschafter Salzgitter AG. Der Rückzug aus dem Gemeinschaftsunternehmen reduziert die Komplexität im Stahlbereich, während Thyssenkrupp Steel Europe zugleich von einem regulatorischen Rückenwind profitiert. Seit dem 1. Juli gelten in der EU deutlich verschärfte Importregeln für Stahl, die Quoten für Billigstahl aus Drittländern wurden um rund 47 Prozent gesenkt. Die Maßnahme soll die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Stahlindustrie stärken und dürfte die Preissituation für heimische Hersteller wie Thyssenkrupp Steel Europe entlasten.
Ausblick: Quartalsbericht und Kurscheck
Der Kalender bleibt dicht: Nach der Hauptversammlung am 7. August folgt am 13. August der Zwischenbericht zum dritten Quartal des Geschäftsjahres 2025/2026. Anleger dürften darin erste Details zur finanziellen Trennung der Sparten sowie zu den Auswirkungen der neuen EU-Handelsregeln erwarten. Bis dahin bleibt die Aktie ein Sammelbecken für Umbau-Fantasie und regulatorische Rückenwinde zugleich – die kommenden zwei Wochen dürften zeigen, wie tragfähig beide Erzählungen tatsächlich sind.
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