Vier Monate kompletter Produktionsstopp, eine Importwelle die sich seit 2022 verdreifacht hat, und eine Wasserstofftochter im freien Fall — Thyssenkrupp kämpft gerade an mehreren Fronten gleichzeitig.
Im Zentrum steht die Spezialstahlsparte für kornorientiertes Elektroband. Das Material ist ein Schlüsselrohstoff für Transformatoren und damit unverzichtbar für den Ausbau europäischer Stromnetze. Genau dieses Segment wird von asiatischen Anbietern überschwemmt, deren Preise teils deutlich unter den europäischen Produktionskosten liegen. Mittlerweile vereinen sie mehr als die Hälfte des europäischen Marktvolumens auf sich — ohne bisher unter bestehende EU-Schutzmaßnahmen zu fallen.
Brüssel reagiert — aber zu langsam?
Spartenchefin Marie Jaroni wandte sich am 3. April direkt an die EU-Kommission. Ihre Forderung: wirksame Handelsschutzmaßnahmen, bevor die heimische Produktion strukturell Schaden nimmt. Brüssel hat eine Schutzmaßnahmenuntersuchung eingeleitet — Jaroni bezeichnete dies als „dringend notwendigen ersten Schritt“ und mahnte gleichzeitig zur Eile.
Das Problem: Neue Regeln könnten frühestens zum 1. Juli 2026 greifen. Den Produktionsstopp am französischen Standort Isbergues, der bereits im Juni beginnt und vier Monate andauern soll, verhindern sie damit nicht mehr. Rund 1.200 Arbeitsplätze in Deutschland und Frankreich stehen unter Druck. Thyssenkrupp Steel Europe und die polnische Stalprodukt SA sind die letzten verbliebenen Hersteller dieses Werkstoffs in Europa.
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Nucera bremst den Konzernumbau
Zusätzlich belastet die Wasserstofftochter Nucera. Ungeplante Nachrüstkosten für bereits ausgelieferte Module und ein aufgelöster US-Pilotvertrag reißen tiefe Löcher: Für das laufende Geschäftsjahr erwartet Nucera einen operativen Verlust zwischen 30 und 80 Millionen Euro. Die Konzernumsatzprognose wurde auf 450 bis 550 Millionen Euro gesenkt — ursprünglich waren 500 bis 600 Millionen Euro angepeilt. Besonders drastisch ist der Einbruch im Wasserstoffsegment selbst: Statt 459 Millionen Euro im Vorjahr werden dort nur noch 120 bis 170 Millionen Euro erwartet.
Auf der Habenseite schreitet der Portfolioumbau voran. Die Assets von Thyssenkrupp Automation Engineering — rund 650 Mitarbeiter, zehn Standorte in Europa und Nordamerika — wechseln zu Agile Robots, einem Münchener Anbieter KI-gestützter Robotiklösungen. Die Einheit firmiert künftig als Krause Automation innerhalb der Agile Robots Group.
Am 12. Mai legt Nucera den nächsten Zwischenbericht vor. Bis dahin richten sich die Blicke auf Brüssel — und darauf, ob die seit Monaten laufenden Gespräche mit dem indischen Stahlkonzern Jindal Steel zum Abschluss kommen oder scheitern, wie Insider zuletzt andeuteten. Der Markt für kornorientiertes Elektroband wächst langfristig: Studien zufolge verdreifacht sich der globale Bedarf bis 2050. Ob Thyssenkrupp dieses Potenzial mit einem geschwächten europäischen Standort noch heben kann, entscheidet sich in den kommenden Monaten.
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