Thyssenkrupp sucht für seine Stahlsparte den Weg an den Kapitalmarkt, nachdem die Partnersuche erfolglos blieb. Das ist für mich die entscheidende Botschaft hinter den jüngsten Umbauplänen: Die Verselbstständigung soll nicht länger davon abhängen, ob sich ein passender industrieller Partner findet.
Ein möglicher Börsengang von Steel Europe würde den Umbau weiterführen. Die wirtschaftlichen Aufgaben des Stahlgeschäfts löst diese neue Route allerdings nicht von selbst.
Wenn die Börse den Partner ersetzt
Vorstandschef Miguel López erklärte gestern gegenüber Reuters, Thyssenkrupp bereite Steel Europe als möglichen nächsten Kandidaten für eine Börsenabspaltung vor. Ziel sei es, die Stahlvermögenswerte über den Kapitalmarkt abzugeben. Frühere Bemühungen um Partner waren erfolglos geblieben.
Die Formulierung verdient Aufmerksamkeit. Vorbereiten heißt nicht beschließen, und ein möglicher Börsengang ist noch kein vollzogener Verkauf. Für Anleger verschiebt sich damit zunächst die Perspektive: Nicht die Einigung mit einem einzelnen Partner steht im Mittelpunkt, sondern die Frage nach einer eigenständigen Kapitalmarktfähigkeit des Stahlgeschäfts.
Mit tk accelis hat Thyssenkrupp gerade einen solchen Schritt umgesetzt. Die frühere Werkstoffhandelssparte debütierte am Mittwoch an der Frankfurter Börse. Die Aktionäre hatten der geplanten Abspaltung im August zugestimmt. Dieser Börsenstart gibt dem nächsten Vorhaben einen konkreten Bezugspunkt.
Er ist aber keine Blaupause mit Erfolgsgarantie. Wer aus der Notierung des Werkstoffhandels unmittelbar auf die Umsetzbarkeit einer Stahlabspaltung schließt, überspringt den entscheidenden Teil: Steel Europe muss seinen eigenen Weg in die Selbstständigkeit finden. Der vollzogene Schritt bei einer Sparte ersetzt nicht die Arbeit an der nächsten.
Eine neue Eigentumsform ersetzt keine Stahlstrategie
Die im November 2024 vorgestellte Stahlstrategie sieht Personal- und Kapazitätskürzungen vor. Zugleich bleibt das grüne Projekt in Duisburg bestehen. Damit stehen im Stahlgeschäft weiterhin operative Veränderungen neben dem Umbau der Eigentümerstruktur.
Genau darin liegt der größere Strukturwandel, den Anleger bei Thyssenkrupp verfolgen können. Der Konzern arbeitet an der Verselbstständigung von Geschäftsbereichen. Zugleich müssen diese Bereiche ihre eigenen industriellen Aufgaben bewältigen. Beides hängt zusammen, ist aber nicht dasselbe.
Was wäre mit einer separaten Börsennotierung gewonnen, wenn man sie bereits mit einer abgeschlossenen Sanierung verwechselte?
Für mich ist diese Unterscheidung wichtiger als das Etikett „Abspaltung“. Der Kapitalmarkt ist der angestrebte Weg zur Abgabe der Stahlvermögenswerte. Ob und wie dieser Weg gelingt, bleibt eine Umsetzungsfrage. Die angekündigten Vorbereitungen sollten deshalb weder kleingeredet noch als fertige Lösung behandelt werden.
Kaufvotum mit niedrigerem Wertansatz
Die DZ Bank bildet diese Spannung in ihrer jüngsten Einschätzung ab. Analyst Dirk Schlamp senkte gestern den fairen Aktienwert von 16 auf 15 Euro. Die Einstufung bleibt „Kaufen“.
Schlamp wertet den Börsenstart von tk accelis als weiteren Meilenstein der Transformation. Als nächste größere Herausforderung nennt er die Verselbstständigung von Steel Europe. Das positive Votum und der niedrigere Wertansatz stehen damit nebeneinander. Ein Fortschritt beim Konzernumbau führt also nicht automatisch zu einer höheren Bewertung durch das Analysehaus.
Der nächste fest angekündigte Berichtstermin ist der 8. Dezember. Dann will Thyssenkrupp die konsolidierten Jahresabschlüsse für das Geschäftsjahr 2025/26 veröffentlichen. Dieser Termin betrifft die finanzielle Berichterstattung; er ist kein zugesagter Entscheidungstermin für die Stahlabspaltung.
Mein Maßstab für die Aktie wäre deshalb nicht die Zahl separat notierter Töchter. Entscheidend ist, wie tragfähig die einzelnen Schritte werden. Bei tk accelis ist der Börsenstart vollzogen. Bei Steel Europe beginnt nun die anspruchsvollere Prüfung, ob aus der angestrebten Kapitalmarktlösung eine umsetzbare Perspektive wird.
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