Der Roheisen-Deal war eine der letzten Konstanten in Thyssenkrupps Stahlgeschäft. Jetzt fällt er weg – und ich finde, das verdient mehr Aufmerksamkeit, als der Markt ihm derzeit schenkt.
ArcelorMittal will bis Oktober 2027 die Stahlproduktion in Duisburg-Ruhrort einstellen, 550 von 800 Arbeitsplätzen fallen weg. Der offizielle Grund liegt nicht in Duisburg selbst, sondern bei Thyssenkrupp: Der Vertrag über die Lieferung von 750.000 Tonnen Roheisen pro Jahr läuft aus, gekündigt bereits im Dezember 2024. Der dortige Elektrolichtbogenofen sei ohne diese Belieferung schlicht unwirtschaftlich.
Für mich ist das mehr als eine Randnotiz aus der Nachbarschaft – es ist ein Signal, wie eng das Stahlgeschäft von Thyssenkrupp mit den Wertschöpfungsketten der gesamten Duisburger Industrielandschaft verflochten ist. Wenn ein Kunde in dieser Größenordnung abspringt, spürt man das auf beiden Seiten des Zauns.
Ein Kursziel, das kaum Fantasie zulässt
Während in Duisburg über Arbeitsplätze diskutiert wird, bleibt die Analystenlage bei Thyssenkrupp bemerkenswert nüchtern. Sechs Häuser haben sich im August mit der Aktie befasst: vier Kaufempfehlungen, zwei Halten-Voten. Das Kursziel im Schnitt liegt bei 14,00 Euro – gemessen am aktuellen Kurs von 14,15 Euro bedeutet das faktisch kein Aufwärtspotenzial mehr.
Die Bandbreite der Einzelmeinungen ist dabei auffällig groß: Die Deutsche Bank Research sieht 16,00 Euro, JPMorgan traut dem Papier in einer Einschätzung nur 12,00 Euro zu, in einer anderen 15,00 Euro, Jefferies liegt bei 13,00 Euro.
Diese Streuung ist für mich selbst schon eine Aussage: Sie zeigt, wie unterschiedlich die Häuser die Restrukturierung im Stahlgeschäft und die anstehende Abspaltung von tk accelis bewerten. Ein Kollektivurteil mit klarer Richtung gibt es hier nicht.
Dass der Kurs trotzdem munter zulegt – über die vergangenen 30 Tage um 13 Prozent, seit Jahresbeginn sogar um 52 Prozent – während der Analystenkonsens praktisch keinen fairen Wert oberhalb des aktuellen Niveaus sieht, ist ein Widerspruch, den man nicht ignorieren sollte.
Entweder der Markt preist eine Story ein, die die Analysten noch nicht in ihren Modellen abgebildet haben – etwa den Wert der anstehenden tk-accelis-Abspaltung –, oder die Rally läuft dem fundamentalen Bild schlicht voraus.
Strukturwandel statt Schlagzeile
Der Fall ArcelorMittal in Duisburg passt in ein Muster, das die Stahlbranche seit Jahren begleitet: schrumpfende Werke, sinkende Belegschaften, Verträge, die nicht mehr verlängert werden, weil sich Elektrolichtbogenöfen ohne planbare Rohstoffzufuhr nicht rechnen.
Für Thyssenkrupp selbst ist der auslaufende Liefervertrag zunächst ein Randgeschäft – die 750.000 Tonnen Roheisen sind im Konzernkontext kein existenzielles Volumen.
Doch die Symbolik wiegt schwerer als die Tonnage: Ein Nachbarwerk zieht sich aus einem Geschäftszweig zurück, den man einst gemeinsam betrieben hat. Das ist ein weiteres Zeichen dafür, wie sehr sich die Landkarte der deutschen Stahlindustrie gerade neu zeichnet – mit Thyssenkrupp mittendrin, nicht am Rand.
Unterm Strich sehe ich bei Thyssenkrupp zwei Geschichten, die parallel laufen und sich nicht decken. Die eine ist die der Aktie, die im laufenden Jahr kräftig zugelegt hat und sich damit deutlich von ihrem Zwölf-Monats-Tief entfernt hat. Die andere ist die des operativen Kerngeschäfts, in dem sich Kunden zurückziehen und Analysten kaum noch Luft nach oben sehen.
Für mich spricht diese Diskrepanz eher gegen eine Fortsetzung der jüngsten Kursdynamik als dafür – zumindest so lange, bis klarer wird, ob die Story um die Konzernaufspaltung tatsächlich das fundamentale Bild aufhellt, oder ob der Markt hier schlicht optimistischer ist als die Zahlen es rechtfertigen.
Wer die Aktie hält, sollte die kommenden Analystenkommentare zur tk-accelis-Abspaltung genau lesen – dort dürfte sich entscheiden, welche der beiden Geschichten am Ende gewinnt.
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