Der Mai hat Thyssenkrupp-Aktionären kräftige Gewinne beschert. Mit einem Plus von rund 23 Prozent in den vergangenen 30 Tagen und einem aktuellen Kurs von 11,72 Euro notiert die Aktie weit über ihrem 200-Tage-Durchschnitt — und ein regulatorischer Beschluss aus Brüssel könnte den Schwung in der neuen Handelswoche verlängern.
Stahlzölle: Die entscheidende Abstimmung steht bevor
Das Europäische Parlament hat Ende Mai eine neue Verordnung zur Eindämmung globaler Überkapazitäten auf dem EU-Stahlmarkt verabschiedet. Die formelle Zustimmung des Rates wird noch vor Ende Juni erwartet — nach abgeschlossenem Trilogverfahren gilt sie als Formsache.
Ab 1. Juli 2026 gelten dann verschärfte Importregeln: Die zollfreien Einfuhrquoten sinken auf 18,3 Millionen Tonnen jährlich, ein Rückgang um 47 Prozent gegenüber 2024. Wer die Quote überschreitet, zahlt künftig 50 Prozent Zoll statt bisher 25 Prozent. Für Thyssenkrupp Steel Europe bedeutet das strukturellen Rückenwind — ausländische Billigimporte werden teurer, heimische Produzenten gewinnen Spielraum.
Ein Sonderfall bleibt Elektroband. Dieses Segment fällt bislang nicht unter die geplanten Quotenkürzungen. Thyssenkrupp hat die Europäische Kommission daher gedrängt, eine eigene Schutzmaßnahmenuntersuchung einzuleiten — was die Kommission inzwischen getan hat. Thyssenkrupp Electrical Steel ist einer von nur zwei verbliebenen europäischen Herstellern von kornorientiertem Elektroband, einem Werkstoff für Transformatoren und Windkraftanlagen. Die Importmengen in die EU haben sich laut Konzern seit 2022 verdreifacht.
Automotive-Sparte: Werk in Indiana wird geschlossen
Parallel läuft der Sanierungskurs in der Autozuliefersparte weiter. Thyssenkrupp Presta North America plant, seinen Standort im US-amerikanischen Terre Haute bis spätestens 31. März 2027 zu schließen. Rund 230 Beschäftigte sind betroffen. Das Chassis-Geschäft soll auf den Standort Hamilton, Ohio, konzentriert werden.
Nordamerika bleibt für die Sparte mit einem Jahresumsatz von zuletzt rund 2,1 Milliarden Euro ein wichtiger Markt. Der Konzern hatte bereits den Abbau von rund 1.800 Stellen beschlossen, um die Kosten um mehr als 150 Millionen Euro zu senken. Ziel: Die Automotive-Sparte soll in den kommenden Jahren kapitalmarktfähig werden.
Konzernzahlen und neue Tochtergesellschaft
An den Jahreszielen hält Thyssenkrupp fest. Das bereinigte EBIT-Ziel von bis zu 900 Millionen Euro wurde bestätigt, der negative freie Cashflow vor M&A soll 600 Millionen Euro nicht überschreiten. Die Umsatzprognose wurde leicht auf eine Spanne zwischen minus drei Prozent und unverändert gesenkt. Die verfügbare Liquidität liegt bei 4,6 Milliarden Euro.
Seit dem 1. Mai firmieren die nachhaltigen Prozesstechnologien von Thyssenkrupp Polysius unter einer neuen Tochtergesellschaft: der Calvion GmbH mit Sitz in Ennigerloh. Rund 40 Mitarbeitende entwickeln dort Oxyfuel-Anwendungen und weitere CO₂-reduzierende Lösungen für Industriekunden.
Der nächste Pflichttermin auf der Unternehmensseite ist der Zwischenbericht für die ersten neun Monate 2025/2026 — er erscheint erst im August. Bis dahin dürfte die Ratszustimmung zu den Stahlzöllen der wichtigste Kurstreiber bleiben.
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