Der Irankrieg schreibt die globale Wirtschaftsordnung um. Zwei Monate nach Kriegsbeginn steigt Brent-Rohöl auf 125 Dollar je Barrel – ein Vier-Jahres-Hoch. Die Stagflation ist keine Theorie mehr, sie ist Realität.
Die Schließung der Straße von Hormus löste die größte Energieversorgungskrise seit Jahrzehnten aus. Was zunächst wie ein regionaler Schock wirkte, entfaltet sich nun als systemisches Risiko – mit unterschiedlicher Wucht in den verschiedenen Weltregionen, aber nirgendwo ohne Folgen.
Öl als Brandbeschleuniger
Ein Sprung von über 6 Prozent allein an einem Tag zeigt, wie nervös die Märkte auf jede neue Eskalationsmeldung reagieren. Brent notiert mehr als 50 Prozent über dem Vorkriegsniveau. Die Konsequenzen sind direkt spürbar: Benzinpreise in den USA übersteigen vier Dollar je Gallone, Europa kämpft mit drohenden Treibstoffengpässen, Düngemittelpreise ziehen zum zweiten Mal innerhalb von vier Jahren stark an.
Citi kalkuliert in einem Negativszenario mit Brent bei 120 Dollar bis Jahresende – was das globale Wachstum auf 1,5 bis 2 Prozent drücken und die Inflation auf nahezu 5 Prozent treiben würde. „Die Wahrscheinlichkeit einer Rezession in Europa, Großbritannien und Teilen Asiens ist höher, als es die Aktienmärkte eingepreist haben“, warnt Mike Bell von RBC BlueBay.
Zwei Welten, ein Schock
Die Divergenz zwischen den Regionen ist frappierend. Während US-Aktien seit Kriegsbeginn gestiegen sind, verloren europäische Märkte rund 4 bis 5 Prozent. Großbritannien verzeichnet die schärfste Verschlechterung der Finanzierungsbedingungen, die zweijährigen Renditen britischer Staatsanleihen kletterten seit Kriegsbeginn um 90 Basispunkte.
Europa importiert Energie in weit größerem Ausmaß als die USA. Jefferies-Ökonom Mohit Kumar bringt es auf den Punkt: „Die Inflation wird in den USA zwar auch steigen, aber der Wachstumsschaden ist in Europa deutlich größer.“ Deutschlands IMK-Institut sieht bereits eine 34-prozentige Wahrscheinlichkeit, dass die größte europäische Volkswirtschaft im zweiten Quartal in die Rezession rutscht.
Asien trägt die schwerste Last. Der Kontinent bezieht typischerweise rund 80 Prozent der Golfölexporte und 90 Prozent der Flüssiggas-Lieferungen. Thailand, die Philippinen, Teile Indiens – sie alle spüren den Energiemangel bereits unmittelbar.
China als Ausreißer – aber nicht unverwundbar
Die Volksrepublik stemmt sich gegen den Trend. Das BIP wuchs im ersten Quartal um 5 Prozent, am oberen Ende der Regierungsvorgabe. Der private Einkaufsmanagerindex für das verarbeitende Gewerbe sprang im April auf 52,2 – der stärkste Wert seit Ende 2020. Neue Auslandsaufträge wuchsen den vierten Monat in Folge.
Staatliche Ölreserven und ein diversifizierter Energiemix puffern den Schock bislang ab. Die Regierung versprach diese Woche, Energiesicherheit und technologische Eigenständigkeit gezielt zu stärken. Doch auch China ist nicht immun: Steigende Rohstoffkosten belasten die ohnehin dünnen Margen im verarbeitenden Gewerbe, der Nicht-Fertigungs-PMI fiel auf 49,4 und signalisiert Kontraktion im Dienstleistungssektor.
Fed zwischen Inflation und Wachstum
Das härteste Dilemma sitzt in Washington. Die US-Notenbank ließ die Zinsen in der gespaltenen Entscheidung seit 1992 – vier Mitglieder des Offenmarktausschusses stimmten dagegen – unverändert im Korridor von 3,50 bis 3,75 Prozent. Drei Notenbanker wollten den Lockerungshinweis aus der Erklärung streichen, einer votierte für weitere Zinssenkungen.
Morgan Stanley zog daraufhin seine Erwartung für Zinssenkungen in 2026 zurück. Deutsche Bank hatte diesen Schritt bereits vollzogen. Händler preisen nun eine Wahrscheinlichkeit von rund 44 Prozent für eine Zinserhöhung bis April 2027 ein – vor der Fed-Entscheidung waren es gerade einmal 8 Prozent.
Die Konjunkturdaten spiegeln das Dilemma wider. Das US-BIP dürfte im ersten Quartal annualisiert um 2,3 Prozent gewachsen sein, gestützt von staatlichen Ausgaben und boomenden Investitionen in KI-Infrastruktur. Doch der private Verbrauch, der mehr als zwei Drittel der US-Wirtschaft ausmacht, verlor weiter an Schwung. Die persönlichen Konsumausgaben könnten eine Inflationsrate von 3,8 Prozent anzeigen – weit über dem Fed-Ziel. „Die Sparquote wird nicht weiter sinken. Bei steigender Inflation sind die Reallöhne praktisch stagniert – da ist nichts, was den Konsum antreibt“, sagt Brian Bethune von der Boston University.
Neues Fed-Zeitalter, alte Konflikte
Ab dem 15. Mai übernimmt Kevin Warsh das Ruder der US-Notenbank. Und der Machtkampf begann, bevor er überhaupt ankam. Warsh hatte einen produktiven internen Streit gefordert – er bekommt ihn. „Er mag unordentliche Sitzungen, bei denen die Leute nicht mit eingeübten Skripten auftauchen“, beschrieb er seinen Führungsstil gegenüber dem Senat.
Was das für eine Notenbank bedeutet, die zwischen steigenden Ölpreisen, hartnäckiger Inflation und politischem Druck aus dem Weißen Haus laviert, bleibt offen. Präsident Trump erwartet niedrigere Zinsen, Warsh hat nichts versprochen. Scheidender Chef Powell mahnte zur Gelassenheit: „Jeder neue Fed-Chef steht vor derselben Situation – 18 Kollegen, Konsens schaffen, vorankommen.“
Ausblick: Wie lange hält Hormuz?
Die entscheidende Variable ist nicht die Geldpolitik – es ist die Geopolitik. ING-Ökonom Carsten Brzeski formuliert es präzise: Ein weiterer Monat geschlossener Meerenge würde wahrscheinlich eine technische Rezession in der Eurozone auslösen. Luke Yeaman von der Commonwealth Bank of Australia fasst die Lage zusammen: „Eskalation, Stillstand und Frieden – alle Szenarien sind noch möglich, mit drastisch unterschiedlichen Folgen.“
Die Märkte wissen das. Die Zentralbanken auch. Klare Antworten hat derzeit niemand.
