Sechs Großbanken empfehlen SpaceX zum Kauf. Trotzdem klettert die Aktie nicht. Wenige Wochen nach dem Rekord-Börsengang zeigt sich: Begeisterung an der Wall Street und tatsächlicher Kursverlauf laufen auseinander.
Sperrfrist endet, Analysten starten Feuerwerk
SpaceX ging am 12. Juni mit einem Ausgabepreis von 135 Dollar an die Nasdaq. Der Börsengang spülte 85,7 Milliarden Dollar in die Kassen.
In der ersten Handelswoche stieg die Aktie bis auf 225 Dollar. Anschließend fiel der Kurs auf 160 Dollar zurück.
25 Tage später lief die Sperrfrist für die IPO-Konsortialbanken aus. Am Morgen des 7. Juli trafen die ersten Analystenstudien ein. Noch vor Handelsbeginn hatten sechs Großbanken die Coverage aufgenommen — jede einzelne mit einer Kaufempfehlung.
Am selben Tag stieg SpaceX in den Nasdaq-100 auf. Nach Schätzung von JPMorgan lösten allein die passiven Käufe durch die Index-Aufnahme rund 4,3 Milliarden Dollar an zusätzlicher Nachfrage aus.
Kursziele zwischen 75 und 800 Dollar
Morgan Stanley-Analyst Adam Jonas legt die aggressivsten Zahlen der Wall Street vor. Sein Basisszenario liegt bei 300 Dollar je Aktie.
Das entspricht einem Kurspotenzial von 87 Prozent gegenüber dem Schlusskurs von 160,42 Dollar am 7. Juli. Im Bullenfall sieht Jonas sogar 600 Dollar, im Bärenfall nur 75 Dollar.
Jonas begründet seine These nicht allein mit Raketen. „SpaceX kann Energie in großem Maßstab in Intelligenz verwandeln und über verschiedene Verbraucher- und Unternehmenslösungen monetarisieren — und damit die nächste Ära der KI anführen“, schreiben die Morgan-Stanley-Analysten.
Die Wachstumsannahmen dahinter sind gewaltig. Jonas rechnet bis Ende des Jahrzehnts mit 319 Milliarden Dollar Umsatz, bis 2040 sogar mit 3,3 Billionen Dollar. Die gleiche Studie warnt aber vor einer massiven Kapitalbelastung.
SpaceX könnte demnach ab 2031 jährlich 300 Milliarden Dollar an Investitionen benötigen. Einen positiven freien Cashflow erwartet Morgan Stanley erst ab 2035.
Das größte Risiko der Prognose: ein externer Kapitalbedarf von 84 Milliarden Dollar pro Jahr zwischen 2027 und 2034.
Andere Banken gehen noch weiter auseinander. Raymond James eröffnete mit einem Kursziel von 800 Dollar und der Einstufung „Strong Buy“ und nannte SpaceX „eines der prägenden Industrieunternehmen des 21. Jahrhunderts“. Goldman Sachs-Analyst Eric Sheridan setzte dagegen nur 205 Dollar an, ebenfalls mit Kaufempfehlung.
Der Unterschied zwischen 205 und 300 Dollar Kursziel entspricht bei einem Unternehmen dieser Größe einer Bewertungslücke von mehr als einer Billion Dollar. Sowohl Morgan Stanley als auch Goldman Sachs begleiteten den Börsengang als Konsortialbank — ein Detail, das bei der Einordnung der Kursziele mitschwingen sollte.
Goldmans eigene Prognosen sind für sich genommen ebenfalls ambitioniert. Die Bank erwartet eine Verdopplung des Umsatzes noch in diesem Jahr. Bis 2030 soll das bereinigte EBITDA auf 352 Milliarden Dollar steigen, ab 2031 rechnet Goldman mit positivem freien Cashflow.
Nicht jeder Analyst zieht mit. MoffettNathanson nahm die Coverage in derselben Woche auf — mit einer neutralen Einstufung.
JPMorgan bringt Tesla-Fusion ins Spiel
Neben der Analystenwelle sorgt eine andere Spekulation für Gesprächsstoff: eine mögliche Fusion zwischen SpaceX und Tesla. JPMorgan-Analyst Rajat Gupta schreibt: „Wir sehen eine Kombination aus SpaceX und Tesla auf dem Papier als strategisch schlüssig an. Sie würde CEO Musk erlauben, Vision, Mission und technische Führung über beide Plattformen hinweg zu vereinen.“
JPMorgan bewertet SpaceX mit „Overweight“ und einem Kursziel von 225 Dollar — 51 Prozent über dem Schlusskurs vom Dienstag.
Die Bank verweist auf bereits bestehende Verflechtungen zwischen den beiden Musk-Konzernen. Beide Unternehmen teilen sich Ingenieurtalente, KI-Infrastruktur und die Terafab-Chipfabrik in Texas.
SpaceX kauft Megapack-Batterien und Cybertrucks von Tesla, während Tesla zwei Milliarden Dollar in xAI investierte — mittlerweile Teil von SpaceX. Tesla hält zudem bereits rund 19 Millionen SpaceX-Aktien.
JPMorgan dämpft aber Erwartungen an einen baldigen Deal. Musk kontrolliert etwa 85 Prozent der Stimmrechte bei SpaceX, bei Tesla aber nur rund 20 Prozent. Diese Asymmetrie könnte die Verhandlungen erschweren und bei Tesla-Minderheitsaktionären Sorgen vor Verwässerung wecken.
Der Größenunterschied zwischen beiden Unternehmen könnte eine Fusion zudem wie eine Übernahme von Tesla durch SpaceX aussehen lassen — nicht wie ein Zusammenschluss unter Gleichen. Hinzu kommt die „praktische Hürde“, in mehreren Ländern gleichzeitig regulatorische Genehmigungen einzuholen, wie JPMorgan schreibt.
Besonders heikel: China, wo Tesla einen wichtigen Produktionsstandort betreibt, während SpaceX als kritischer US-Verteidigungsauftragnehmer gilt. JPMorgans Fazit: Governance-Asymmetrie, Bewertungslücke und komplexes regulatorisches Umfeld machen den Deal kurzfristig schwer umsetzbar.
Aktie bleibt unter dem Rekordhoch
Die fast einhelligen Kaufempfehlungen und die mechanischen Zuflüsse durch die Nasdaq-100-Aufnahme haben bislang keine klare Rally ausgelöst. Die Aktie notiert weiterhin deutlich unter ihrem Hoch aus der ersten Handelswoche nach dem Börsengang.
Die Spanne der Kursziele — von 75 Dollar im Bärenfall bis 600 Dollar im Bullenfall — zeigt, wie unklar die Bewertung des Unternehmens bleibt. SpaceX ist gleichzeitig dominanter Raketenanbieter, wachsender Satelliteninternet-Betreiber und seit der xAI-Fusion eine Wette auf KI-Infrastruktur.
Tesla legt Ende Juli seine Zahlen zum zweiten Quartal vor — ein Termin, der die Fusionsspekulation zwischen beiden Musk-Unternehmen erneut anheizen dürfte.
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