Kaum ein anderes Papier steht so unter Beobachtung wie SpaceX in diesen Tagen. Am kommenden Dienstag legt das Unternehmen zum ersten Mal seit seinem Börsengang im Juni Quartalszahlen vor, zwei Tage später läuft die Haltefrist für institutionelle Investoren aus. Die Gemengelage aus Rekord-Shortpositionen, einer eklatanten Analystenspanne und Spekulationen über eine Fusion mit Tesla sorgt für erhebliche Nervosität im Handel.
Am Freitag schloss die Aktie bei 93,96 Euro, ein Tagesverlust von 3,48 Prozent. Damit notiert das Papier nur noch knapp über seinem 52-Wochen-Tief und liegt lediglich 0,59 Prozent darüber entfernt. Der Kursverfall der vergangenen Wochen hat sich damit fortgesetzt, statt sich vor den anstehenden Ereignissen zu stabilisieren.
Short-Seller wetten in Rekordhöhe gegen SpaceX
Laut Bloomberg Law erreichte das Short-Interesse bei SpaceX zum 29. Juli einen Stand von 219,3 Millionen Aktien. Das entspricht rund 34 Prozent des Streubesitzes und einem Volumen von 24,6 Milliarden US-Dollar. Damit übersteigt die Wettposition gegen SpaceX inzwischen jene gegen Tesla. Der Analyst Sam Pierson von S3 Partners, dessen Daten die Zahlen liefern, verweist auf den bevorstehenden Aktien-Unlock als zentralen Treiber der Bewegung. Seit dem 16. Juni ist das Short-Interesse von 23,3 Millionen Aktien um ein Vielfaches gestiegen.
Brisant wird die Lage durch die Haltefrist, die am 6. August endet: Bis zu 911,5 Millionen Aktien könnten dann zusätzlich handelbar werden. Derzeit befinden sich lediglich rund 640 Millionen Aktien im freien Umlauf, das entspricht etwa fünf Prozent aller ausstehenden Anteile. Nach Ablauf der Sperrfrist könnte dieser Anteil auf rund zwölf Prozent steigen — ein potenzieller Angebotsschock, der zusätzlichen Druck auf den Kurs ausüben könnte.
Analysten so gespalten wie selten
Selten fällt die Einschätzung von Analysehäusern zu einem Titel derart auseinander wie bei SpaceX. Morgan Stanley hält an einem „Overweight“-Rating mit einem Kursziel von 300 US-Dollar fest und argumentiert, das KI-Geschäft des Unternehmens werde vom Markt derzeit faktisch mit null bewertet. Gleichzeitig bezeichnet das Haus die kommenden Tage als den „gefährlichsten Moment“ seit dem Börsengang.
Auf der anderen Seite steht Phillip Securities, das die Coverage mit einem „Sell“-Rating und einem Kursziel von lediglich 75 US-Dollar aufgenommen hat. Die Analysten begründen ihre Skepsis mit einem erwarteten kumulierten negativen Cashflow von bis zu 90 Milliarden US-Dollar bis zum Jahr 2030. Der breitere Konsens aus rund 30 Analysten liegt mit einem durchschnittlichen Kursziel von 239,04 US-Dollar deutlich dazwischen, wobei die Spanne der Einzelschätzungen von 115 bis 800 US-Dollar reicht — ein Ausmaß an Uneinigkeit, das die fundamentale Unsicherheit rund um das junge Börsenunternehmen widerspiegelt.
Milliardenauftrag als Gegengewicht
Inmitten der negativen Schlagzeilen lieferte SpaceX kurz vor den Zahlen auch positive Nachrichten. Die US Space Force vergab einen Auftrag über 1,6 Milliarden US-Dollar für 18 Falcon-9-Starts, die bis Ende 2027 von der Vandenberg Space Force Base aus erfolgen sollen. Umgerechnet entspricht dies rund 89 Millionen US-Dollar pro Start und liegt damit deutlich über dem kommerziellen Preisniveau von etwa 70 Millionen US-Dollar. Der Auftrag betrifft SBST-Satelliten und ist Teil des milliardenschweren „Golden Dome“-Verteidigungsprogramms. Konkurrenten wie ULA und Blue Origin standen für vergleichbare Aufträge zuletzt nicht zur Verfügung, was SpaceX im Verteidigungsgeschäft eine starke Position sichert.
Fusionsgerüchte mit Tesla belasten zusätzlich
Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgt ein Bericht des Wall Street Journal, wonach Tesla einen Verkauf, eine Abspaltung oder eine Schließung seines China-Geschäfts erwägt, um den Weg für eine mögliche Fusion mit SpaceX freizumachen. Elon Musk wies den Bericht auf der Plattform X als „absurdly fake news“ zurück. Dennoch hält sich die Spekulation hartnäckig: Die Prognoseplattform Kalshi taxiert die Wahrscheinlichkeit einer Fusion bis Mai 2027 auf 74 Prozent. Parallel dazu baut SpaceX eigenen Angaben zufolge eine von China und Taiwan unabhängige Lieferkette auf, offiziell mit Verweis auf sicherheitspolitische Erwägungen.
Für Anleger bündeln sich damit binnen weniger Tage gleich mehrere kursbewegende Ereignisse: die erste Bilanz als Publikumsgesellschaft, der Ablauf der Haltefrist und ungeklärte Spekulationen über die künftige Konzernstruktur. Der aktuelle RSI-Wert von 31,0 deutet auf eine überverkaufte Aktie hin, während die annualisierte Volatilität von 54,45 Prozent das Ausmaß der zu erwartenden Schwankungen unterstreicht.
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