Der Silberpreis steckt in einer Zerreißprobe. Nach einem heftigen Rückschlag von den Rekordständen aus dem Januar hat sich die Notierung zuletzt stabilisiert und deutlich zugelegt, nachdem die Ölpreise nach einem möglichen Waffenstillstand zwischen den USA und dem Iran nachgegeben hatten. Gleichzeitig sorgt eine neue Einschätzung der Schweizer Großbank UBS für Diskussionsstoff: Sie hat ihre empfohlene Einstiegszone für Käufer spürbar nach unten korrigiert – ein Warnsignal für die kurzfristige Entwicklung, das im Kontrast zu den langfristig bullishen Prognosen anderer Häuser steht.
UBS kappt Kaufzone deutlich
UBS-Stratege Dominic Schnider senkte die als attraktiv geltende „Buy-the-Dip“-Zone für Silber auf einen Bereich von 48 bis 50 US-Dollar je Feinunze, zuvor lag die Marke noch bei rund 55 Dollar. Hintergrund ist der massive Preisrutsch: Von rund 76 US-Dollar Anfang Juni fiel der Silberpreis bis Mitte Juli auf etwa 56 US-Dollar. Als Belastungsfaktoren nennt Schnider den starken US-Dollar, hohe Anleiherenditen und eine Fed, die ihre erste Zinssenkung nach seiner Einschätzung frühestens im Dezember 2026 oder im ersten Quartal 2027 vornehmen dürfte. Auch die Investorennachfrage kühlt sichtbar ab: Die weltweiten Silber-ETF-Bestände sind seit Jahresbeginn um 38 Millionen Unzen auf 784 Millionen Unzen gesunken.
Trotz der kurzfristigen Vorsicht bleibt UBS mittelfristig zuversichtlich. Die Bank rechnet mit einer Erholung auf 65 US-Dollar bis September, 70 US-Dollar bis Dezember und 75 US-Dollar im März beziehungsweise Juni 2027. Die Botschaft: Wer einsteigen will, sollte tiefere Niveaus abwarten, statt in die aktuelle Erholung hineinzukaufen.
Strukturelles Defizit als langfristiger Treiber
Deutlich optimistischer klingt Paul Wong, Stratege beim Vermögensverwalter Sprott. Er sieht Silber trotz des Rückgangs von über 100 US-Dollar im Januar um mehr als die Hälfte weiterhin in einer strukturell positiven Position. Der Markt befinde sich seit fünf Jahren in einem Angebotsdefizit: 2025 habe die Nachfrage das Angebot um 40,2 Millionen Unzen übertroffen, für 2026 werde ein Defizit von 46,3 Millionen Unzen erwartet – das sechste Jahr in Folge. Getragen werde die Nachfrage von Solarindustrie, Künstlicher Intelligenz, Elektrofahrzeugen und dem Verteidigungssektor, während das Angebot kaum kurzfristig ausgeweitet werden könne.
Nicht alle Analysten zeichnen jedoch ein einheitliches Bild der Industrienachfrage. Morgan Stanley verweist darauf, dass die Solarbranche durch Materialeinsparungen weniger Silber pro Modul verbraucht – die Silbernachfrage der Photovoltaikindustrie sei 2026 um 19 Prozent gesunken, die industrielle Fertigungsnachfrage insgesamt auf ein Vierjahrestief gefallen. Die Bank hält dennoch an einem Kursziel von 65,40 US-Dollar für das vierte Quartal fest, sieht dafür aber weitere Zinssenkungen der Fed als Voraussetzung für eine echte Trendwende bei den Anlegerflüssen. Die Silber-ETF-Bestände liegen laut Morgan Stanley bereits 10 Prozent unter ihrem Hoch von Ende 2025. Deutlich mutiger positioniert sich J.P. Morgan: Die Bank projiziert für 2026 einen Durchschnittspreis von 81 US-Dollar je Unze – ein Wert, der die aktuelle Notierung weit hinter sich lassen würde, sollte er eintreten.
Geopolitik und Zinserwartungen als kurzfristige Treiber
Für die jüngste Erholung sorgten vor allem äußere Faktoren. Die Ölpreise gaben nach, nachdem dem Iran ein zehntägiger Waffenstillstand mit den USA vorgeschlagen worden war, was Inflationssorgen etwas dämpfte. Gleichzeitig kündigten Huthi-Rebellen eine mögliche Seeblockade gegen Saudi-Arabien an – ein Risiko, das die geopolitische Unsicherheit und damit die Nachfrage nach Edelmetallen als Absicherung wachhält. Marktbeobachter erwarten zudem, dass die US-Notenbank ihre Zinsen bei der kommenden Sitzung zunächst unverändert lässt, was das zinslose Edelmetall vorerst weder stützt noch zusätzlich belastet.
Für Anleger bleibt damit eine gespaltene Ausgangslage: Kurzfristig dominieren ein starker Dollar, hohe Realzinsen und schwächere Investorenzuflüsse die Preisbildung, während das strukturelle Angebotsdefizit und die breite Industrienachfrage aus Solar-, KI- und Rüstungssektor die mittel- bis langfristige Perspektive stützen. Die Spanne der Prognosen – von einer möglichen Kaufzone um 48 bis 50 Dollar bis hin zu einem projizierten Jahresdurchschnitt von 81 Dollar – zeigt, wie unterschiedlich die großen Häuser die kommenden Monate für Silber einschätzen.
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