Die Bank of America hält heute trotz des Silber-Ausverkaufs an ihrer Prognose von durchschnittlich 75 US-Dollar je Feinunze im zweiten und dritten Quartal 2027 fest. Ein wichtiger Baustein ist der Ausbau großer KI-Rechenzentren. Die Bank sieht darin zusätzliche Nachfrage, warnt aber zugleich vor Hindernissen beim Ausbau. Für Anleger ist entscheidend: Der erwartete Bedarf ist keine Garantie für eine schnelle Preiserholung.
Kurzfristig bestimmen andere Kräfte den Markt. Höhere US-Zinserwartungen, ein fester Dollar und Verkäufe im Technologiesektor belasten Silber. Die langfristige Nachfragegeschichte steht damit im Kontrast zum schwachen kurzfristigen Umfeld.
Große Rechenzentren benötigen mehr Silber
BofA schätzt den Silberbedarf für Bau und Ausstattung großer Hyperscale-Rechenzentren auf 708.000 Unzen je Gigawatt Kapazität. Bei konventionellen Unternehmensrechenzentren veranschlagt sie dagegen 318.000 Unzen je Gigawatt. Die Schätzungen beziehen sich ausdrücklich nicht auf einen jährlich wiederkehrenden Verbrauch.
Diese Unterscheidung ist für die Einordnung zentral. Der errechnete Bedarf hängt am tatsächlichen Bau und an der Ausstattung neuer Kapazitäten. Er lässt sich deshalb nicht als dauerhafter jährlicher Nachfragebeitrag derselben Anlagen verstehen.
Zugleich verändert sich die Zusammensetzung des Rechenzentrumsmarktes. Nach Einschätzung der Bank entfällt heute ein Anteil von 37 Prozent der Kapazität auf Hyperscale-Anlagen. Im Jahr 2010 waren es rund 10 Prozent.
Damit gewinnt gerade jener Anlagentyp an Bedeutung, für den BofA einen höheren Silberbedarf ansetzt. Der Ausbau liefert also ein Argument für die längerfristige Nachfrage, unabhängig von kurzfristigen Schwankungen an den Finanzmärkten.
Vom Überschuss zum Defizit
Für 2026 erwartet BofA am globalen Silbermarkt einen Überschuss von 910 Tonnen. Im folgenden Jahr rechnet sie dagegen mit einem Defizit von 852 Tonnen.
Diesen erwarteten Wechsel erklärt die Bank allerdings nicht allein mit künstlicher Intelligenz. Die Rechenzentren sind ein Teil der Markteinschätzung, nicht deren einzige Grundlage. Auch deshalb wäre es zu kurz gegriffen, die Preisprognose ausschließlich als Wette auf den KI-Ausbau zu lesen.
Hinzu kommen konkrete Risiken für die Nachfrageannahmen. Projektverzögerungen können den Silberbedarf zeitlich verschieben. Stromengpässe könnten den Ausbau begrenzen, während Materialeinsparungen den Bedarf je Anlage reduzieren könnten. Die Prognose bleibt somit an Bedingungen geknüpft.
Kurzfristig fehlt das Erholungssignal
StoneX sieht Silber heute im Unterstützungsbereich von 49 bis 50 US-Dollar je Feinunze. Dieser entspricht dem Bereich des Hochs von 2011. Eine deutliche Erholung erkennt das Analysehaus bislang nicht.
StoneX erwartet weiterhin eine spätere Gegenbewegung. Eine bullische Umkehrkerze würde aus Sicht des Hauses das kurzfristige Chartbild verbessern. Langfristig bleibt die Einschätzung wegen wachsender industrieller Nachfrage positiv, unter anderem aus Solarwirtschaft, Elektroautos und KI-Rechenzentren.
Für Anleger ergeben sich daraus unterschiedliche Zeithorizonte: BofA begründet ihr höheres Preisniveau mit der erwarteten Marktentwicklung im kommenden Jahr. StoneX verlangt kurzfristig erst ein erkennbares Umkehrsignal. Die industrielle Perspektive liefert damit ein Argument für eine spätere Erholung, aber noch keine Bestätigung einer Bodenbildung.
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