Der Silberpreis gerät zwischen zwei Kräften: kurzfristigem Gegenwind durch eine hawkishe Fed-Rhetorik und einer strukturell angespannten Angebotslage, die Analysten weiterhin zu deutlich höheren Kurszielen treibt. Am 15. Juli 2026 fiel Silber laut GoldSilver um 1,4 Prozent auf 57,84 US-Dollar je Feinunze, während Gold nahezu unverändert bei 4.056 Dollar notierte. Damit kletterte das Gold-Silber-Ratio auf 70 zu 1 – ein Wert, der zeigt, wie deutlich das Industriemetall zuletzt hinter dem gelben Edelmetall zurückblieb. FXStreet bezifferte den Rückgang für denselben Handelstag mit 1,90 Prozent auf rund 57,55 Dollar.
Fed-Kurs bremst trotz schwacher Inflationsdaten
Eigentlich hätten die jüngsten US-Preisdaten Rückenwind liefern müssen: Die Erzeugerpreise sanken im Juni um 0,3 Prozent zum Vormonat, der stärkste Rückgang seit 14 Monaten, während die Konsumentenpreise um 0,4 Prozent nachgaben. Dennoch hält sich laut FXStreet eine hawkishe Grundhaltung der US-Notenbank. Fed-Gouverneurin Lisa Cook warnte demnach vor Inflationsrisiken durch Zölle, den Nahost-Konflikt und hohe KI-Investitionen. Auch der Fed Beige Book-Bericht, der die Konjunkturentwicklung in elf von zwölf Bezirken als leicht bis moderat wachsend beschreibt, verweist auf steigende Vorleistungskosten durch den Nahost-Konflikt und Zölle – ein Umfeld, das die Zinssenkungsfantasie dämpft. Charttechnisch hält Silber laut VCP Trading eine Unterstützung im Bereich von 57 Dollar innerhalb eines bärischen Rechtecks, FXStreet nennt Widerstände zwischen 59,42 und 59,57 Dollar sowie eine tiefere Unterstützungszone bei 55,50 bis 56,00 Dollar.
Sechstes Defizitjahr in Folge
Hinter der kurzfristigen Schwäche steht eine Angebotslage, die Analysten seit Jahren beschäftigt. Der Silver Institute-Ausblick, zitiert von Skillings, rechnet für 2026 mit dem sechsten Angebotsdefizit in Folge von 46,3 Millionen Unzen. Seit 2021 hat sich damit ein kumuliertes Defizit von 762 Millionen Unzen aufgebaut. Die Minenproduktion sinkt zusätzlich um 2,5 Millionen Unzen, während die Industrienachfrage – getrieben von Solar, Elektrofahrzeugen und künstlicher Intelligenz – laut GoldSilver bereits 58 Prozent des gesamten Verbrauchs ausmacht. Solarhersteller haben ihren Silberverbrauch 2026 zwar um 19 Prozent auf 151 Millionen Unzen reduziert, indem sie zunehmend auf Kupfer ausweichen, wie Benzinga berichtet. Das Defizit hat sich dadurch aber keineswegs geschlossen, sondern weitet sich weiter aus. Parallel schrumpften die Comex-Lagerbestände laut Benzinga um 75 Prozent gegenüber dem Hoch von 2020 auf nur noch 79,9 Millionen Unzen – ein Hinweis auf physische Verknappung, während rund 70 Prozent des weltweiten Silberangebots ohnehin nur als Nebenprodukt der Basismetallförderung anfällt.
Analysten erwarten mittelfristig deutlich höhere Preise
Trotz der jüngsten Schwäche bleiben große Häuser optimistisch. JPMorgan nennt laut Skillings im Basisszenario einen Durchschnittspreis von 81 Dollar, Bank of America hält im Bullenfall sogar 100 bis 133 Dollar für möglich. Der von GoldSilver zitierte LBMA-Konsens liegt bei 79,57 Dollar. Nach Angaben von NAI 500 rechnet JPMorgan bis Ende 2026 mit Notierungen über 80 Dollar und bis 2030 mit der Marke von 100 Dollar. Paul Wong von Sprott ordnet gegenüber Kitco News auch den jüngsten Rückschlag ein: Im zweiten Quartal 2026 verlor Silber demnach 16,57 Dollar je Unze oder 22,04 Prozent – der schwächste Quartalswert seit dem ersten Quartal 2020. Wong erwartet, dass sich die Angebotsdefizite noch sieben bis acht weitere Jahre fortsetzen, gestützt von Nachfrage aus Solarindustrie, Elektromobilität, künstlicher Intelligenz und dem Militärsektor. Der Optionsmarkt habe sich normalisiert, die physischen Lagerbestände blieben angespannt – aus seiner Sicht bleibt das langfristig bullische Fundament damit intakt, auch wenn kurzfristig die Fed-Politik und geopolitische Risiken rund um die Straße von Hormus für Nervosität sorgen.
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