Die Solarindustrie streicht Silber aus ihren Lieferketten — so aggressiv wie nie zuvor. Trotzdem wächst das Angebotsdefizit. Das ist der Kern des aktuellen Silbermarkts: zwei gegenläufige Kräfte, die sich nicht gegenseitig aufheben.
Solar dreht das Volumen zurück
Die Photovoltaikbranche war jahrelang der wichtigste industrielle Abnehmer von Silber. Das ändert sich gerade grundlegend. Die PV-Nachfrage sank 2025 um sechs Prozent auf 186,6 Millionen Unzen. Für 2026 prognostiziert das Silver Institute einen weiteren Rückgang um 19 Prozent auf rund 151 Millionen Unzen.
Der Grund ist simpel: Silberpaste macht zehn bis zwanzig Prozent der gesamten Solarzellenkosten aus. Bei Überkapazitäten und sinkenden Modulpreisen ist das nicht mehr tragbar. Hersteller substituieren, wo immer es geht.
Die Folge: Die industrielle Gesamtnachfrage fällt 2026 voraussichtlich um weitere drei Prozent auf 639,6 Millionen Unzen. KI-Rechenzentren, Automobilelektronik und Hochgeschwindigkeits-Hardware wachsen zwar — aber nicht schnell genug, um den Solar-Rückzug auszugleichen.
Defizit wächst trotzdem
Was das Bild dreht, ist das Investmentkapital. Privatanleger kaufen Münzen, Barren und Exchange-Traded Products in einem Tempo, das den industriellen Rückzug überwältigt. Das Silver Institute erwartet für 2026 einen Anstieg des physischen Investments um 18 Prozent — auf den höchsten Stand seit 2022.
Das Ergebnis: Der Markt verzeichnet laut World Silver Survey 2026 ein Angebotsdefizit von 46,3 Millionen Unzen. Im Vorjahr waren es 40,3 Millionen Unzen. Es ist das sechste Defizitjahr in Folge.
Strukturell ist das kaum lösbar. Rund 70 Prozent des Silbers entstehen als Nebenprodukt bei der Förderung von Gold, Kupfer und Zink. Das Angebot reagiert nicht auf Preissignale. Die kumulierten Lagerentnahmen seit 2021 haben inzwischen knapp 762 Millionen Unzen erreicht — etwa neun Monate der globalen Minenproduktion.
COMEX-Bestände unter Druck
Die physische Enge zeigt sich an den COMEX-Lagerbeständen. Vom Höchststand im Oktober 2025 bei 531 Millionen Unzen sind sie auf rund 315 Millionen Unzen gefallen. Allein in den ersten zwei Monaten 2026 flossen 95 Millionen Unzen aus den USA ab.
Der Preis reagiert entsprechend nervös. Am 11. Mai legte Silber sechs Prozent zu — getrieben vom US-China-Zollwaffenstillstand. Zwei Tage später lag der Kurs wieder bei 84 US-Dollar. Höher als erwartete Inflationsdaten verschoben die Fed-Zinssenkungserwartungen nach hinten. Der Nahostkonflikt hält die Öl- und Inflationsrisiken erhöht.
Das strukturelle Defizit bleibt. Die Frage ist, welche Kraft kurzfristig dominiert — und wie lange die oberirdischen Bestände den Markt noch puffern können.
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