Der September-Kontrakt für Silber an der COMEX hat den First Notice Day erreicht – mit einer angespannten Konstellation im Hintergrund. Offenen Positionen von 161,8 Millionen Feinunzen stehen nur 99,1 Millionen Unzen lieferbares, registriertes Silber gegenüber. Diese Lücke rückt die physische Verfügbarkeit des Metalls wieder in den Fokus der Anleger.
Der Silberpreis notierte am Montag bei 67,24 US-Dollar je Feinunze, ein Plus von 0,2 Prozent zum Vortag. Auf Sicht von 30 Tagen steht ein Anstieg von 15 Prozent zu Buche, während das Metall im Jahresverlauf noch knapp 4,8 Prozent im Minus liegt. Vom Allzeithoch bei 121,64 US-Dollar, erreicht im Januar, trennen den aktuellen Kurs damit weiterhin Welten.
Lagerbestände als Nadelöhr
In den zugelassenen COMEX-Lagerhäusern lagerten zum 19. August rund 337,3 Millionen Feinunzen Silber, umgerechnet etwa 10.492 Tonnen. Davon gelten jedoch nur 99,5 Millionen Unzen als „registered“ und damit gegen Futures lieferbar – der weit größere Teil von 237,8 Millionen Unzen ist lediglich „eligible“, also grundsätzlich lagerfähig, aber nicht ohne Weiteres für Lieferungen verfügbar.
Genau dieses schmale Segment steht nun den hohen offenen Positionen im September-Kontrakt gegenüber und erklärt, warum Marktteilnehmer die physische Seite des Silbermarkts derzeit genau beobachten.
Hintergrund dieser Anspannung ist ein Angebotsdefizit, das sich seit Jahren durch den Silbermarkt zieht. Das Silver Institute rechnet für 2026 mit einer Deckungslücke von rund 46 Millionen Unzen, nach bereits gut 40 Millionen Unzen im Vorjahr. Verschärft wird die Lage durch chinesische Exportbeschränkungen, die seit Januar in Kraft sind und das globale Angebot zusätzlich verknappen könnten.
Nachfrageseite zeigt gegenläufige Kräfte
Während das Angebot knapp bleibt, verändert sich die Nachfragestruktur. Die Solarindustrie, traditionell einer der großen industriellen Abnehmer von Silber, dürfte ihren Verbrauch 2026 um rund 19 Prozent zurückfahren – nach einem bereits schwächeren Vorjahr.
Hersteller wie LONGi stellen ihre Zellfertigung zunehmend auf kupferbasierte Kontakte um; die Massenproduktion soll im zweiten Quartal 2026 anlaufen, Jinko und Aiko verfolgen ähnliche Strategien. Diese Substitution könnte die industrielle Silbernachfrage mittelfristig dämpfen.
Gegenläufig wirkt jedoch die Nachfrage aus anderen Zukunftstechnologien: Elektrofahrzeuge und die Infrastruktur für Rechenzentren im Zuge des KI-Booms stützen den industriellen Verbrauch weiterhin. In Summe bleibt die industrielle Nachfrage nach Silber damit robust, auch wenn sich die Gewichtung zwischen den Anwendungsfeldern verschiebt.
Regulatorisches Umfeld verschärft die Lage
Zusätzliche Unsicherheit bringt die US-Handelspolitik ins Spiel. Silber wurde bereits im November vergangenen Jahres in die amerikanische Liste kritischer Rohstoffe aufgenommen, die für wirtschaftliche oder nationale Sicherheit als wesentlich gelten.
Aktuell prüfen die USA zudem im Rahmen der sogenannten Section-232-Untersuchung, ob Silber künftig zusätzlichen Importzöllen unterliegen könnte. Sollte diese Einstufung erfolgen, würde sich die Angebotssituation außerhalb der USA voraussichtlich weiter zuspitzen.
Der Silberpreis bewegt sich damit in einem Spannungsfeld aus knappem physischem Angebot, wechselnden industriellen Nachfragetrends und regulatorischer Unsicherheit. Mit einem Abstand von 8,2 Prozent über dem 50-Tage-Durchschnitt von 62,12 US-Dollar zeigt der kurzfristige Trend nach oben, während der Abstand von 10 Prozent unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 74,72 US-Dollar an die deutlichen Kursverluste seit dem Januarhoch erinnert.
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