Startseite » Rohstoffe » Silber im freien Fall, Kupfer trotzt der Krise — Rohstoffe driften auseinander

Silber im freien Fall, Kupfer trotzt der Krise — Rohstoffe driften auseinander

Silber verliert über 50 Prozent seit Januar, während Kupfer dank struktureller Nachfrage dem Abwärtssog trotzt. Fed-Politik und Dollar belasten Edelmetalle und Öl.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Silber mit 26 Prozent Monatsverlust
  • Gold fällt unter 4.000 Dollar
  • Kupfer profitiert von Zoll-Drohung
  • Brent-Öl auf Vorkriegsniveau

Dieselben Makrokräfte, völlig unterschiedliche Reaktionen: Während Silber seit seinem Januarhoch mehr als die Hälfte seines Wertes eingebüßt hat und Öl auf Vorkriegsniveaus zurückfällt, hält sich Kupfer erstaunlich stabil. Die Fed-Zinswende, ein erstarkender Dollar und die Entspannung am Persischen Golf treffen den Rohstoffsektor — aber nicht alle gleich hart.

Gold: Die 4.000-Dollar-Marke wackelt

Gold kämpft. Der Preis lag am Donnerstag bei 4.049,70 Dollar je Unze, nachdem er im Wochenverlauf zeitweise unter die psychologisch wichtige 4.000er-Schwelle gerutscht war. Allein in den vergangenen sieben Tagen hat das Edelmetall knapp 3 Prozent verloren.

Die Hauptlast trägt der starke US-Dollar, der auf den höchsten Stand seit über einem Jahr geklettert ist. Dollarnotierte Rohstoffe werden dadurch für internationale Käufer spürbar teurer. Fed-Chef Kevin Warsh hat sein Engagement für Preisstabilität bekräftigt — die Märkte preisen inzwischen eine mögliche Zinserhöhung im September ein.

Gleichzeitig wirkt ein mächtiges Gegengewicht: Chinas Volksbank hat ihre Goldreserven 18 Monate in Folge aufgestockt. Globale Zentralbanken kauften im ersten Quartal 2026 netto 244 Tonnen — ein Plus von 3 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Die gesamte Goldnachfrage inklusive OTC-Geschäfte erreichte im ersten Quartal mit 1.231 Tonnen einen historischen Rekord für ein Auftaktquartal.

Westliche ETF-Halter verzeichneten dagegen Nettoabflüsse. Diese Divergenz zwischen physischem Markt und Papiermarkt prägt den aktuellen Zyklus. Gold notiert mittlerweile rund 28 Prozent unter seinem Allzeithoch vom Januar — ein Rückgang, der die Stärke des vorangegangenen Anstiegs relativiert, aber die Nervosität am Markt verdeutlicht.

Silber: Minus 26 Prozent in einem Monat

Silber trifft es noch härter. Im vergangenen Monat ist der Preis um fast 26 Prozent eingebrochen. Bei rund 58,77 Dollar je Unze liegt das Edelmetall damit fast 52 Prozent unter dem Allzeithoch von 121,62 Dollar, das ebenfalls im Januar markiert wurde.

Die Belastungsfaktoren sind bekannt: stärkerer Dollar, wachsende Zinserhöhungserwartungen. Die Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung im September ist innerhalb einer Woche von 29 auf rund 68 Prozent gestiegen. Verschärft wurde der Verkaufsdruck durch einen starken Rückgang bei US-Technologiewerten. Einige Investoren liquidierten ihre Edelmetallbestände, um Verluste in anderen Portfoliobereichen auszugleichen — ein klassischer Margin-Call-Effekt.

Ein strukturelles Gegengewicht besteht allerdings fort. Der globale Silbermarkt steuert auf sein sechstes jährliches Angebotsdefizit in Folge zu. Es könnte 46,3 Millionen Unzen erreichen. Chinas seit Januar 2026 geltende Exportbeschränkungen für Silber verknappen das Angebot zusätzlich.

Die Kursziele für Ende 2026 klaffen entsprechend weit auseinander:

  • TD Securities: 44 Dollar je Unze
  • J.P. Morgan: 81 Dollar je Unze
  • Commerzbank: 90 Dollar je Unze

Die physische Nachfragebasis hat sich nicht verändert — nur die zinssensitive Stimmung im Papiermarkt hat sich radikal gedreht.

Brent Crude: Dritter Wochenverlust in Serie

Brent ist am Donnerstag auf 75,20 Dollar je Barrel gefallen. Auf Monatssicht beträgt das Minus gut 20 Prozent. Der dritte Wochenverlust in Folge zeichnet sich ab.

Der Schiffsverkehr durch die Straße von Hormuz hat trotz eines beunruhigenden Zwischenfalls — ein Schiff wurde vor der Küste Omans von einem unbekannten Projektil getroffen — das schnellste Tempo seit Kriegsbeginn erreicht. Nahöstliche Produzenten fahren die Förderung hoch, haben aber Schwierigkeiten, genügend Tanker für den zusätzlichen Transport zu sichern.

Der erwartete globale Angebotsüberschuss 2026 belastet die Stimmung. Der Irak drohte bereits mit dem Austritt aus der OPEC, falls sein Produktionskontingent nicht erhöht wird. Goldman Sachs senkte die Brent-Prognose für das vierte Quartal auf 80 Dollar je Barrel — herunter von zuvor 90 Dollar. Die Investmentbank erwartet, dass die Exportmengen aus dem Persischen Golf bis Ende Juli auf Vorkriegsniveau zurückkehren. Kurzfristig sehen Analysten Brent in einer Handelsspanne von 75 bis 82 Dollar.

Rohöl WTI: Erstmals seit März unter 70 Dollar

WTI verzeichnete am Donnerstag den vierten Verlusttag in Folge. Die Futures schlossen bei 70,34 Dollar je Barrel, nachdem sie im Tagesverlauf mit 69,63 Dollar erstmals seit dem 2. März unter die 70-Dollar-Marke gefallen waren.

Die schrittweise Normalisierung des Hormuz-Verkehrs ist der primäre Katalysator. Die US-Regierung gewährte zudem einen temporären Verzicht für Käufer von bereits geladenem iranischem Öl, was das verfügbare Angebot weiter ausweitet.

Eine strukturelle Besonderheit verdient Beachtung: Die US-Lagerbestände in Cushing, Oklahoma, liegen mit rund 19 Millionen Barrel unter dem operativen Mindestbedarf. Das bildet ein Gegengewicht zum allgemeinen Preisdruck. Ebenfalls bemerkenswert: Das Brent-Prompt-Spread wechselte am Mittwoch erstmals seit Kriegsbeginn in eine bärische Contango-Struktur. Ein Signal, das auf wachsende Überversorgung am vorderen Ende der Terminkurve hindeutet.

Kupfer: Trotzt dem Abwärtssog — Section-232 als Zündfunke?

Während fast alle anderen Rohstoffe unter Druck stehen, zeigt sich Kupfer auffällig widerstandsfähig. Bei 6,14 Dollar je Pfund liegt der Preis nur gut 2 Prozent unter dem 50-Tage-Durchschnitt. Auf Monatssicht beträgt der Verlust lediglich 2,6 Prozent — ein Bruchteil dessen, was Gold, Silber und Öl hinnehmen mussten.

Am 30. Juni steht eine potenziell marktbewegende Entscheidung an: Der Section-232-Folgebericht zu raffiniertem Kupfer geht an den US-Präsidenten. Goldman Sachs rechnet mit hoher Wahrscheinlichkeit für einen Zoll von mindestens 25 Prozent. Ein bestätigter Zoll könnte kurzfristig für erhebliche Preisbewegungen an der COMEX sorgen.

Auf der Angebotsseite verschärfen sich die Engpässe. Chile hat im April die schwächste Kupferproduktion seit 23 Jahren gemeldet. Streik bei der Mantoverde-Mine, Wasserknappheit in der Atacama und sinkende Erzgehalte an alternden Minen treffen zusammen — und Chile liefert rund ein Viertel des globalen Angebots.

Die Nachfragedynamik unterscheidet Kupfer fundamental von den anderen Rohstoffen. Schwäche in Chinas traditionellen kupferverbrauchenden Sektoren wird teilweise durch solide Nachfrage aus erneuerbaren Energien, Energiespeicherung und Elektronik kompensiert. Ein Ausbruch über 6,65 Dollar könnte eine Rallye in Richtung 7 Dollar auslösen — übergeordnet sehen Analysten sogar Potenzial bis 7,50 oder 8 Dollar.

Ein Sektor, zwei Geschwindigkeiten

Die aktuelle Konstellation macht die Bruchlinien im Rohstoffsektor sichtbar:

  • Belastete Assets (Gold, Silber, Brent, WTI): Leiden unter dem starken Dollar, hawkisher Fed-Rhetorik und geopolitischer Entspannung am Persischen Golf
  • Robustes Asset (Kupfer): Profitiert von einem eigenständigen strukturellen Narrativ — Energiewende, Rechenzentren, drohende US-Zölle schaffen eine Nachfragedynamik, die von kurzfristigen Zinsspekulationen weniger abhängig ist
  • Zinssensitivität: Die Märkte preisen eine 80-prozentige Wahrscheinlichkeit einer Fed-Zinserhöhung im Dezember ein, im September liegt sie bei rund 63 Prozent

Drei Weichenstellungen für die kommenden Wochen

Die Section-232-Entscheidung am 30. Juni dürfte als erstes Signal Klarheit schaffen. Ein Zoll von 25 Prozent auf raffiniertes Kupfer würde die COMEX-Preise sprunghaft verändern und könnte regionale Arbitrage-Möglichkeiten schaffen.

Die kommenden Wirtschaftsdaten bleiben der zentrale Taktgeber für alle fünf Rohstoffe. Die jüngsten PCE-Inflationsdaten lagen weitgehend im Rahmen der Erwartungen und schwächten Befürchtungen unmittelbarer Zinserhöhungen leicht ab. Jede Überraschung in den Arbeitsmarkt- oder Inflationszahlen wird den Kurs des gesamten Sektors beeinflussen.

Am Persischen Golf verhandeln Washington und Teheran weiter über ein dauerhaftes Abkommen. Bei Kernfragen wie der Nuklearpolitik dürften die Gespräche langwierig bleiben. Jede Eskalation würde Brent und WTI sofort nach oben treiben und Gold als sicheren Hafen stärken — während Kupfer als Industriemetall eher unter einem globalen Nachfragerückgang leiden würde. Die Zweiteilung des Rohstoffmarktes könnte sich in einem solchen Szenario noch weiter verschärfen.

Anzeige

Gold: Kaufen oder verkaufen?! Neue Gold-Analyse vom 26. Juni liefert die Antwort:

Die neusten Gold-Zahlen sprechen eine klare Sprache: Dringender Handlungsbedarf für Gold-Investoren. Lohnt sich ein Einstieg oder sollten Sie lieber verkaufen? In der aktuellen Gratis-Analyse vom 26. Juni erfahren Sie was jetzt zu tun ist.

Gold: Kaufen oder verkaufen? Hier weiterlesen...

Diskussion zu Gold

Dr. Robert Sasse

Dr. Robert Sasse ist promovierter Ökonom und Unternehmer mit umfassender Expertise in Finanzmärkten und Wirtschaftstheorie. Seine akademische Ausbildung verbindet er mit praktischer Unternehmenserfahrung, um fundierte Analysen zu langfristigen Anlagestrategien zu liefern.

Als Verfechter einer marktwirtschaftlichen Ordnung fokussiert sich Dr. Sasse auf die Vermittlung von Strategien für nachhaltigen Vermögensaufbau durch Aktieninvestments. Seine wissenschaftlich fundierten Beiträge auf stock-world.de richten sich an Anleger, die eigenverantwortliche, informierte Entscheidungen für ihre finanzielle Zukunft treffen möchten.

Dr. Sasse spezialisiert sich auf die verständliche Aufbereitung komplexer ökonomischer Zusammenhänge und die praktische Anwendung von Investmentstrategien für die Altersvorsorge. Sein Ansatz kombiniert theoretisches Wissen mit klarem Praxisbezug, um Lesern Orientierung in einem dynamischen Marktumfeld zu bieten.

Mit seiner Expertise unterstützt er Anleger dabei, die Chancen des Kapitalmarkts systematisch und langfristig zu nutzen – unabhängig von kurzfristigen Marktschwankungen.