Gute Zahlen, schlechter Kurs: ABB legt starke Quartalsergebnisse vor, trotzdem rauscht die Aktie ab. Der Grund ist eine milliardenschwere Übernahme in Großbritannien. Die Wellen dieser Entscheidung erreichen auch Siemens Energy.
ABB kauft Rotork – der Preis irritiert
ABB überzeugte im zweiten Quartal bei Auftragseingang und Rentabilität. Trotzdem ging es mit der Aktie abwärts. Der Grund: Parallel zu den Zahlen kündigte der Schweizer Industriekonzern die Übernahme des britischen Anbieters Rotork an.
Der Preis: rund 5,5 Milliarden US-Dollar, umgerechnet 4,8 Milliarden Euro. Die Experten der ZKB nannten die Summe „stolz“. Die starken operativen Margen von Rotork würden die hohe Bewertung aber rechtfertigen, so die Einschätzung.
Auch die Bank Vontobel hält den Preis für hoch. Strategisch ergebe der Zukauf trotzdem Sinn. Bernstein Research führte die Kursverluste direkt auf die teure Akquisition zurück.
Die Marktreaktion fiel deutlich aus. ABB-Aktien verloren 3,3 Prozent und fielen damit zurück auf das Niveau ihres Juni-Tiefs. Siemens Energy gab um 1,8 Prozent nach, während die Siemens-Aktie um 0,4 Prozent zulegte.
Bewertungsdebatte um Siemens Energy hält an
Der ABB-Effekt trifft Siemens Energy in einer ohnehin angespannten Phase. Die Investmentbank Barclays hatte die Aktie zuvor von Halten auf Verkaufen abgestuft. Der Grund war ausschließlich die hohe Bewertung von rund 130 Milliarden Euro.
Am operativen Geschäft ließ Barclays dagegen kaum ein schlechtes Haar. Die Analysten rechnen mit einem Gewinn pro Aktie von 4,26 Euro im Jahr 2026. Bis 2028 soll dieser auf 9,20 Euro steigen – mehr als eine Verdopplung.
Getragen wird dieses Wachstum von steigenden Umsätzen. Barclays erwartet einen Anstieg von 43 auf 57 Milliarden Euro bis 2028.
Im Vergleich mit der Konkurrenz wirkt Siemens Energy trotz der Kursrally der vergangenen Monate moderat bewertet. US-Wettbewerber GE Vernova wächst ähnlich schnell, wird aber mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 60 gehandelt – doppelt so hoch wie Siemens Energy mit knapp 30. Das Barclays-Downgrade setzte zuletzt auch GE Vernova unter Druck.
Charttechnik zeigt Nervosität
Der aktuelle Kurs von 146,80 Euro liegt fast 25 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 195,54 Euro. Trotzdem bleibt die Jahresbilanz positiv: Seit Jahresanfang steht ein Plus von 19,54 Prozent zu Buche.
Der 200-Tage-Durchschnitt bei 143,61 Euro wird nur noch knapp überschritten. Dieses enge Polster unterstreicht, wie stark die Bewertungsdebatte und der ABB-Deal die Stimmung zuletzt gedrückt haben.
Die kommenden Handelstage dürften zeigen, ob sich der Sektor von der Rotork-Übernahme erholt. Für Siemens Energy bleibt die Kernfrage bestehen: Überwiegt langfristig das operative Wachstum die Sorge um die hohe Bewertung des Konzerns.
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