Siemens Energy trennt sich möglicherweise von einem Kerngeschäft – und ausgerechnet das dürfte die Aktie stärker machen, nicht schwächer. Der Konzern prüft laut übereinstimmenden Berichten den Verkauf einer Mehrheit an der Dampfturbinensparte „Transformation of Industry“, Goldman Sachs ist mandatiert, der Aufsichtsrat berät heute. Für mich ist das keine Notveräußerung, sondern eine kluge Kapitalallokation zur richtigen Zeit.
Warum ausgerechnet jetzt verkaufen?
Auf den ersten Blick wirkt es paradox: Die Sparte mit Dampfturbinen, Generatoren und Kompressoren erzielte im vergangenen Geschäftsjahr 5,7 Milliarden Euro Umsatz und beschäftigt je nach Quelle zwischen 15.000 und 17.000 Menschen.
Gas- und Dampfturbinen sind gerade das heißeste Thema der Energiebranche, weil Rechenzentren für Künstliche Intelligenz enorme Strommengen brauchen. Wood Mackenzie rechnet mit einer Verdreifachung der Gasturbinenpreise bis Ende 2026 gegenüber 2019. Babcock & Wilcox hat bereits 20 Turbinen mit einer Gesamtleistung von 1 Gigawatt bestellt.
Genau diese Nachfragedynamik ist aus meiner Sicht der Grund, warum jetzt der richtige Moment für einen Teilverkauf ist. Wer eine Sparte veräußert, tut das am besten, wenn die Bewertung hoch steht – und mit über 10 Milliarden Euro liegt die kolportierte Bewertung deutlich über der Einschätzung, die ein RBC-Analyst der Einheit im Juni noch mit bis zu 8 Milliarden Euro zugetraut hatte.
Der KI-Rückenwind treibt offenbar nicht nur das operative Geschäft, sondern auch den Preis, den Private-Equity-Häuser wie CVC, EQT, Bain, Brookfield und KKR zu zahlen bereit sind.
Das Kapital-Argument überzeugt mich
Die Sparte braucht laut Berichten kurzfristig 300 Millionen Euro an Investitionen, kumuliert sogar 3 Milliarden Euro. Ein Investor mit frischem Kapital und industrieller Erfahrung könnte diesen Bedarf besser decken als ein Konzern, der zugleich seine Bilanz für das Wachstum bei Gasturbinen, Netzausrüstung und Windkraft benötigt.
Der Auftragseingang der Gesamtgruppe lag bei 15 Gigawatt gegenüber gelieferten 6 Gigawatt, der Backlog erreichte 69 Gigawatt – Zahlen, die zeigen, wie sehr Siemens Energy an anderer Stelle investieren muss, um die Nachfrage zu bedienen.
Dass Betriebsräte Widerstand ankündigen, überrascht nicht und ist ernst zu nehmen. Ein Kontrollwechsel bei 15.000 bis 17.000 Beschäftigten ist kein Nebenschauplatz. Für Anleger zählt aber zunächst die strategische Logik: Kapital aus einem reiferen, kapitalintensiven Geschäft freisetzen und in wachstumsstärkere Segmente lenken.
Was der Kurs bereits einpreist
Der Markt reagiert bislang verhalten optimistisch. Die Aktie legte am heutigen Dienstag um 3,3 Prozent zu und steht bei 154,18 Euro, nachdem sie am Montag noch bei 149,20 Euro geschlossen hatte. Auf Jahressicht steht ein Plus von 28 Prozent, binnen zwölf Monaten hat sich der Kurs um 69 Prozent verteuert.
Trotzdem liegt die Aktie noch 21 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 195,38 Euro – für mich ein Zeichen, dass die jüngste Nachricht die Bewertungsdiskussion neu befeuert, ohne dass Euphorie ausgebrochen wäre.
Parallel zur Turbinen-Debatte lädt der Bundeskanzler laut Handelsblatt-Berichterstattung zur Kabinettsklausur mehrere Wirtschaftsvertreter ein, darunter Siemens-Chef Roland Busch. Dort geht es um die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands – ein Thema, das auch für Siemens Energy als Industriekonzern mit deutschem Kern nicht folgenlos bleibt, wenn über ein „entkerntes Geschäftsmodell“ und den Verlust des US-Sicherheitsschirms diskutiert wird.
Fazit
Unterm Strich spricht für mich mehr für als gegen den Deal: hohe Bewertung, hoher Investitionsbedarf in der Sparte, ein Konzern, der Kapital für wachstumsstärkere Bereiche braucht, und ein Käufermarkt, der durch den KI-getriebenen Turbinenboom bereit scheint, kräftig zu zahlen.
Die Risiken – Widerstand der Belegschaft, ein möglicherweise zäher Verkaufsprozess mit mehreren Bietern – bleiben real. Doch die strategische Richtung, weg vom kapitalintensiven Reifegeschäft, hin zu fokussiertem Wachstum, überzeugt mich als konsequente Fortsetzung des Konzernumbaus.
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