Ein Gewinn, der sich mehr als verdoppelt, Erwartungen übertrifft und trotzdem nur mit einem müden Kursausschlag quittiert wird — bei Shell klaffen Zahlen und Marktreaktion an diesem Donnerstag auseinander. Der Energiekonzern hat im zweiten Quartal so viel verdient wie seit Beginn des Ukraine-Kriegs nicht mehr. Die Aktie gab nach einem guten Start am Nachmittag leicht nach.
Handelsgeschäft treibt Ergebnis auf Vierjahreshoch
Der bereinigte Nettogewinn sprang auf 9,8 Milliarden Dollar, mehr als doppelt so hoch wie im Vorjahresquartal und deutlich über dem Wert von 6,9 Milliarden Dollar aus dem ersten Quartal. Höhere Öl- und Gaspreise infolge des Konflikts im Nahen Osten spielten eine Rolle, den größeren Hebel lieferten aber Handel und Raffineriegeschäft. Produktionsausfälle in Katar konnte Shell durch diese Sparten mehr als ausgleichen.
Jefferies-Analyst Mark Wilson lobte die Bilanz als „durch die Bank stark und solide“ und verwies auf einen Produktionsrekord in Brasilien sowie ein profitables Chemikaliengeschäft mit ausgelasteten Kapazitäten. RBC bestätigte derweil die Einstufung „Sector Perform“ mit einem Kursziel von 4.000 Pence und begründete dies mit dem Hochlaufen des Flüssigerdgas-Geschäfts.
Rückkäufe laufen weiter, Kosten sinken
Shell legte das 19. Quartal in Folge ein neues Aktienrückkaufprogramm auf, diesmal über 3 Milliarden Dollar. Parallel dazu drückte der Konzern die Kosten im ersten Halbjahr um weitere 700 Millionen Dollar — seit 2022 summieren sich die Einsparungen damit auf 5,8 Milliarden Dollar.
Seit Jahresanfang hat die Aktie um rund ein Viertel zugelegt, ähnlich stark wie die des britischen Konkurrenten BP. TotalEnergies liegt mit einem Plus von 35 Prozent noch davor — die drei Ölwerte zählen damit zu den stärksten Titeln im Stoxx Europe 50.
Blick richtet sich auf Wachstum
Nach Jahren des Sparens und hoher Ausschüttungen fragen Investoren zunehmend nach dem künftigen Wachstumspfad. Konzernchef Wael Sawan muss zeigen, dass sich die langfristigen Öl- und Gasreserven wieder aufbauen lassen. Die im April angekündigte Übernahme des kanadischen Energiekonzerns ARC für 16,4 Milliarden Dollar soll im dritten Quartal abgeschlossen werden und das Produktionswachstum bis 2030 auf jährlich vier Prozent heben.
An den Investitionsplänen für dieses Jahr ändert sich unterdessen nichts: Shell hält an Ausgaben zwischen 24 und 26 Milliarden Dollar fest. Im Aufsichtsgremium gibt es derweil einen Wechsel — Ann Godbehere gibt nach mehr als acht Jahren den Vorsitz im Prüfungsausschuss zum 1. August ab, Holly Keller Koeppel übernimmt.
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