ServiceNow hat mit den jüngsten Quartalszahlen geliefert, was Anleger von einem KI-Softwarewert erwarten würden – und trotzdem wirkt die Aktie zuletzt eher zäh. Für mich ist das eine Lücke zwischen operativer Realität und Marktstimmung, die sich lohnt genauer anzuschauen.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache
Im zweiten Quartal 2026 erzielte ServiceNow einen Umsatz von 3,99 Milliarden Dollar, ein Plus von 24 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Der bereinigte Gewinn je Aktie lag bei 0,90 Dollar und übertraf die Konsensschätzung von 0,86 Dollar. Das Management hob die Umsatzprognose für die Abo-Erlöse im Gesamtjahr 2026 auf 15,76 bis 15,78 Milliarden Dollar an.
Wer nach Substanz hinter dem KI-Hype sucht, findet sie hier: Der annualisierte Vertragswert im KI-Geschäft (AI ACV) überschritt im zweiten Quartal die Marke von einer Milliarde Dollar, das Neugeschäft in diesem Bereich wuchs im Quartalsvergleich um mehr als 40 Prozent.
Auf der Goldman-Sachs-Konferenz Communacopia + Technology 2026 ergänzte das Unternehmen dieses Bild: Der KI-Umsatz habe sich über neun Monate verneunfacht, die CRM-Erlöse hätten sich im Jahresvergleich verdoppelt, und der annualisierte Vertragswert insgesamt habe die Zwei-Milliarden-Dollar-Schwelle überschritten. Das sind keine kosmetischen Verbesserungen, sondern Wachstumsraten, die für ein Unternehmen dieser Größenordnung bemerkenswert sind.
Zwischen institutioneller Zuversicht und Insider-Verkäufen
Die Positionierung großer Investoren zeichnet ein gemischtes, aber insgesamt nicht beunruhigendes Bild. Virginia Retirement Systems baute im zweiten Quartal eine neue Position von rund 284.800 Aktien auf, im Wert von etwa 28,3 Millionen Dollar.
Auf der anderen Seite reduzierte Carmignac Gestion seinen Bestand um 75,4 Prozent und verkaufte gut 1,14 Millionen Aktien, hielt aber noch rund 371.800 Aktien im Wert von etwa 36,9 Millionen Dollar. Solche gegenläufigen Bewegungen sind für mich kein Alarmsignal – sie gehören zum normalen Portfolio-Management großer Häuser und sagen wenig über die fundamentale Verfassung des Unternehmens aus.
Interessanter finde ich die Insider-Aktivität: In den vergangenen 90 Tagen verkauften Insider Aktien im Wert von etwa 1,94 Millionen Dollar. Das ist angesichts der Marktkapitalisierung von 119,34 Milliarden Euro eine überschaubare Summe, die ich nicht überbewerten würde – für sich genommen aber auch kein Kaufsignal von innen.
Auf der operativen Ebene stärkt ServiceNow seine Plattform weiter aus: Der AI Control Tower erreichte die allgemeine Verfügbarkeit und soll Unternehmen erlauben, autonome KI-Agenten in Echtzeit zu überwachen und im Zweifel abzuschalten. Das trifft einen wunden Punkt vieler Unternehmen, die zwar KI-Agenten einsetzen wollen, aber Kontrollverlust fürchten.
Für mich ist das ein kluger strategischer Schachzug, der ServiceNow als Infrastrukturanbieter für unternehmensweite KI-Governance positioniert – nicht nur als Werkzeug-Lieferant.
Warum der Kurs hinterherhinkt
Trotz dieser starken fundamentalen Lage notierte die Aktie zuletzt bei 112,80 Euro, nach einem Rückgang von 7,3 Prozent auf Wochensicht. Auf Monatssicht steht dagegen ein Plus von 4,4 Prozent zu Buche – ein Hinweis darauf, dass sich der jüngste Rücksetzer eher als kurzfristige Konsolidierung liest denn als Trendwende.
Der RSI von 50,7 signalisiert eine neutrale Verfassung, weder überkauft noch überverkauft. Die annualisierte Volatilität von 56 Prozent zeigt allerdings, dass Anleger mit spürbaren Ausschlägen rechnen müssen.
Die sektorweite Stimmung hat sich zuletzt aufgehellt, weil Sorgen nachließen, KI könnte klassische Software-Lizenzmodelle kannibalisieren. ServiceNow profitierte davon, wurde auch als „Final Trade“ im CNBC-Format Halftime Report genannt, mit Verweis auf Analystenrückhalt und KI-Wachstumspotenzial.
Mein Fazit
Für mich überwiegen die Argumente für eine positive Einschätzung des fundamentalen Trends. Die Kombination aus beschleunigtem KI-Wachstum, angehobener Guidance und einer neuen Governance-Lösung für Agenten-Ökosysteme spricht dafür, dass ServiceNow seine Position im Enterprise-Software-Markt weiter ausbaut.
Der jüngste Kursrücksetzer wirkt auf mich eher wie eine Verschnaufpause als wie ein fundamentales Warnsignal. Wer von der These überzeugt ist, dass KI-Agenten-Management zum Kernbestandteil von Unternehmenssoftware wird, dürfte in ServiceNow einen der besser positionierten Anbieter sehen.
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