Ausgangslage
SAP hat am heutigen Freitag zwei kartellrechtliche Altlasten los. Das Bundeskartellamt stellte seine Vorermittlungen zum Verdacht auf Missbrauch einer marktbeherrschenden Stellung beim Datenzugriff ein – die Vorwürfe der Behinderung von Drittanbietern im Process-Mining-Geschäft, ausgelöst durch eine Beschwerde von Celonis, ließen sich nicht erhärten. Parallel schloss die EU-Kommission ihre Überprüfung der SAP-Richtlinien für Wartung und Support von On-Premise-Lösungen ab, nachdem der Konzern verbindliche Zusagen zur Verbesserung der Kundenwahlfreiheit gemacht hatte.
Eigentlich zwei Entlastungssignale. Der Markt quittierte sie dennoch mit deutlichen Verlusten: Die Aktie schloss am Donnerstag mit einem Minus von 3,34 Prozent bei 157,30 Euro. Der Grund liegt weniger in den Verfahren selbst als im Timing – sie treffen auf eine Aktie, die zuvor kräftig gelaufen war, befeuert von starken Zahlen zum zweiten Quartal. Die Kartell-Entwarnung diente offenbar als Anlass für Gewinnmitnahmen nach der vorangegangenen Rally, nicht als neuer Kaufimpuls. Genau das macht die aktuelle Phase zur Weggabelung: Konsolidiert die Aktie nur kurz, oder beginnt hier eine ernsthaftere Korrektur der Sommer-Rally?
Die entscheidende Frage
Entscheidend wird, ob das Cloud-Wachstum die Bewertung weiter trägt oder ob die nach unten angepasste Gewinn-Guidance die Anleger nervös macht. Die Zahlen zum zweiten Quartal, veröffentlicht am 23. Juli, zeigten Clouderlöse von 6,28 Milliarden Euro, ein Plus von 22 Prozent, und einen Current Cloud Backlog von 22,9 Milliarden Euro, 27 Prozent über Vorjahr. Das IFRS-Betriebsergebnis stieg um 8 Prozent auf 2,64 Milliarden Euro. Zugleich senkte SAP die Non-IFRS-Betriebsergebnis-Guidance für 2026 leicht auf eine Spanne von 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro, begründet mit Verwässerungseffekten durch die abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs. Die Kernfrage für Anleger lautet damit: Rechtfertigt das beschleunigte Cloud-Wachstum die Investitionen in den KI-Stack, oder frisst die Integrationsphase zu viel Marge, während der Kurs technisch bereits deutlich unter dem 200-Tage-Durchschnitt notiert – aktuell um 10,15 Prozent darunter?
Bullisches Szenario
Für Optimisten spricht die Kombination aus Wachstumstempo und eigenem Kapitaleinsatz. Jefferies-Analyst Charles Brennan bestätigte am 28. Juli seine Kaufempfehlung mit einem Kursziel von 210 Euro und verwies auf den strategischen Vorsprung des Konzerns bei der Neuausrichtung auf Künstliche Intelligenz. Der frisch abgeschlossene Zukauf von Prior Labs erweitert den KI-Stack um semantische Datenverarbeitung, und mit Natura & Co zeigt SAP, dass die Business AI Platform bereits produktiv im Einsatz ist – dort automatisiert eine gemeinsam mit Partner Numen entwickelte Anwendung die Bruttomargenanalyse. Zusätzliches Vertrauen signalisiert der Vorstand selbst: Vorstandsvorsitzender Christian Klein kaufte am 24. Juli eigene Aktien im Wert von rund 325.000 Euro. Parallel läuft die zweite Tranche des zehn Milliarden Euro schweren Aktienrückkaufprogramms an, mit einem Volumen von bis zu 2,6 Milliarden Euro bis spätestens 27. Januar 2027 – ein struktureller Nachfragefaktor für die Aktie. Hält das Cloud-Momentum an, bietet der aktuelle Kurs von 157,30 Euro gegenüber Kurszielen von 210 beziehungsweise 215 Euro spürbaren Abstand nach oben.
Bärisches Szenario
Die Gegenseite argumentiert mit der Margenfrage. DZ Bank senkte am 24. Juli ihr Kursziel von 130 auf 120 Euro und bestätigte die Einstufung „Sell“ – für sie überwiegt der Verwässerungseffekt der jüngsten Übernahmen. Auch Evercore ISI reduzierte am selben Tag sein Kursziel, von 175 auf 160 Euro, bei unveränderter neutraler Einstufung. Selbst Goldman Sachs, die trotz einer Kürzung von 230 auf 215 Euro am 27. Juli bei „Buy“ blieb, signalisierte mit dem Schnitt vorsichtigere Erwartungen. Die technische Bewertung stützt diese Vorsicht: Mit einer annualisierten Volatilität von knapp 49,5 Prozent bleibt die Aktie schwankungsanfällig, und der Kurs notiert weiterhin rund 39 Prozent unter dem 52-Wochen-Hoch von 258,60 Euro aus dem vergangenen Sommer. Setzen sich Zweifel an der Profitabilität der KI-Investitionen durch, dürfte die jüngste Gewinnmitnahme erst der Anfang einer breiteren Korrektur sein.
Ausblick
Solange der Current Cloud Backlog zweistellig wächst und das Rückkaufprogramm strukturelle Nachfrage schafft, dürfte die Aktie Rücksetzer als Konsolidierung nach der Rally verarbeiten – der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt bot zuletzt noch Luft nach oben. Kippt jedoch die Wahrnehmung der Guidance-Anpassung von „vorübergehender Verwässerungseffekt“ zu „strukturelles Margenproblem“, dürfte sich die Skepsis von DZ Bank und Evercore ISI im Kurs stärker durchsetzen. Der nächste konkrete Prüfstein ist der Fortgang der zweiten Rückkauftranche, die noch bis Januar 2027 läuft und Käufe von bis zu 2,6 Milliarden Euro vorsieht – ein Signal dafür, wie ernst SAP die eigene Bewertung nimmt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger, die zwischen KI-Wachstumsstory und Margendruck selbst abwägen müssen.
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