Es gibt diese Momente an der Börse, in denen zwei Lager völlig entgegengesetzte Schlüsse aus denselben Fakten ziehen. Bei SAP erleben wir gerade genau das. Auf der einen Seite Analysten, die bei Cloud-Wachstum und KI-Tempo genauer hinschauen und zunehmend zurückhaltend werden.
Auf der anderen Seite der eigene Vorstand, der in den vergangenen Wochen in großem Stil eigenes Geld in die Aktie steckt. Diese Konstellation sagt mehr über den Zustand der Softwarebranche als jede einzelne Kennzahl.
Skepsis trifft auf Insider-Optimismus
Bank of America hob am Freitag ihr Kursziel für SAP an und begründete das mit der Erwartung steigender Bewertungsmultiples für Cloud-Geschäfte. Das passt zu einem Wettbewerbsumfeld, in dem zuletzt starke Quartalszahlen von Salesforce der gesamten Softwarebranche Rückenwind gaben – auch SAP profitierte am Donnerstag spürbar von diesem Sog. Am selben Tag hatte allerdings UBS-Analyst Michael Briest sein Rating von „Buy“ auf „Neutral“ gesenkt, mit einem Kursziel von 201 Euro.
Sein Argument: Von den auf der Sapphire-Konferenz angekündigten Ambitionen sind bislang erst 17 KI-Agenten tatsächlich verfügbar. Das ist ein nachvollziehbarer Einwand – Tempo bei der Produktumsetzung ist in der KI-Ära zum entscheidenden Wettbewerbsfaktor geworden, und Ankündigungen zählen an der Börse wenig, wenn ihnen keine Verfügbarkeit folgt.
Interessant wird es, wenn man daneben die Aktivität der eigenen Führungsriege legt. Vorstandsmitglied Thomas Heinrich Saueressig kaufte am selben Tag der UBS-Abstufung 1.500 SAP-Aktien zum Kurs von 178,30 Euro, ein Volumen von gut 267.000 Euro. Das reiht sich ein in eine Serie von Insiderkäufen: Vorstandsmitglied Gina Vargiu-Breuer erwarb Mitte August Aktien im Wert von rund 305.000 Euro, CEO Christian Klein bereits Ende Juli für etwa 325.000 Euro.
In Summe kommen die jüngsten Käufe von CEO und weiteren Vorständen auf ein Volumen von rund 900.000 Euro. Wer als Vorstand eigenes Vermögen in die eigene Aktie steckt, während Analysten skeptisch werden, sendet ein Signal – auch wenn es kein Garant für steigende Kurse ist.
Das Spannungsfeld zwischen Backlog und Ausbau
Nicht alle Stimmen sind so zuversichtlich. JPMorgan stufte SAP bereits am 23. März von „Buy“ auf „Neutral“ ab, mit Kursziel 175 Euro, und verwies auf Sorgen um ein nachlassendes Wachstum des Cloud-Auftragsbestands, während sich der Migrationszyklus dem Ende nähert.
Diese Sorge trifft einen wunden Punkt: SAPs Cloud-Story lebte lange von der Erzählung, dass Bestandskunden reihenweise auf die neue Plattform wechseln.
Wenn dieser Migrationszyklus ausläuft, muss organisches Neugeschäft die Wachstumslücke schließen – und das ist ungleich schwerer zu erreichen. Ein institutioneller Investor, die DMC Group LLC, reduzierte laut ihrer jüngsten Meldung ihre Position bereits um 6,7 Prozent.
Zugleich baut SAP munter weiter aus. Vor über einem Monat wurde die Übernahme des Daten-Startups Prior Labs abgeschlossen, um das KI-Portfolio zu stärken – seither hat sich die Aktie um knapp 40 Prozent erholt, wenngleich diese Bewegung nicht allein auf die Übernahme zurückzuführen ist.
Bereits Anfang Juli hatte SAP zudem die Übernahme von Dremio abgeschlossen und infolge der damit verbundenen Kosten den Ausblick für das operative Ergebnis 2026 leicht auf eine Spanne von 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro angepasst.
Parallel dazu läuft das Aktienrückkaufprogramm 2026 unbeirrt weiter: In Kalenderwoche 33 kaufte SAP 50.000 eigene Aktien zu einem Durchschnittskurs von 179,35 Euro zurück, der Gesamtbestand liegt inzwischen bei über 5,1 Millionen Stück.
Was bleibt
Der Kurs hat sich von seinem 52-Wochen-Tief bei 127,52 Euro um die Hälfte erholt, notiert aber weiterhin gut ein Fünftel unter dem Rekordhoch vom Oktober. Wells Fargo-Analyst Michael Turrin bestätigte Mitte August seine „Buy“-Einschätzung mit Kursziel 210 Euro – zu einem Zeitpunkt, als die aktuelle Debatte um KI-Tempo noch nicht in voller Schärfe geführt wurde.
Die eigentliche Frage für Anleger lautet nicht, wer im Analystenstreit am Ende recht behält, sondern ob SAP das Tempo der KI-Produktentwicklung an das eigene Ambitionsniveau anpassen kann. Die Insiderkäufe zeigen: Wer im Konzern sitzt, glaubt offenbar daran.
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