Ausgangslage
SAP steckt mitten in einer der stärksten Kursbewegungen der vergangenen Jahre – ausgelöst durch eine Kette positiver Nachrichten binnen wenigen Wochen. Das Bundeskartellamt hat am 30. Juli seine Vorermittlungen gegen den Softwarekonzern abgeschlossen und wird derzeit kein Missbrauchsverfahren einleiten. Auslöser der Prüfung waren Beschwerden mehrerer Softwareunternehmen, darunter die Münchner Celonis SE, die SAP vorgeworfen hatten, den Zugang zu Daten aus ERP-Systemen zu erschweren und der eigenen Process-Mining-Software Signavio Vorteile zu verschaffen. Kartellamtschef Andreas Mundt stellte laut Reuters klar: „Unternehmen müssen ihre eigenen Daten grundsätzlich auch in Anwendungen anderer Anbieter nutzen können.“ Ein Verfahren bleibt damit vorerst vom Tisch, ein endgültiger Freispruch ist die Entscheidung aber nicht – das Kartellamt hält sich weitere Schritte offen.
Parallel dazu kaufte ein SAP-Vorstandsmitglied Ende Juli zweimal Aktien: am 24. Juli 2.435 Stück zu durchschnittlich 133,56 Euro, am 27. Juli weitere 10.000 Stück zu 97,24 Euro. Zusammen ein Volumen von rund 1,3 Millionen Euro. Solche Insider-Käufe kurz nach Quartalszahlen werden am Markt gewöhnlich als Vertrauenssignal gelesen. Zusätzlich zeigt eine korrigierte Stimmrechtsmitteilung, dass Harald Tschira infolge von Stimmbindungsverträgen mit Udo Tschira seit dem 20. Juli die 3-Prozent-Schwelle überschritten hat und nun 4,22 Prozent der Stimmrechte hält – ein Hinweis auf die weiterhin enge Verbindung der Gründerfamilie zum Konzern.
Fundamentaler Treiber der Rally sind die Zahlen zum zweiten Quartal vom 23. Juli: Der Current Cloud Backlog stieg um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, die Clouderlöse legten um 22 Prozent zu, der Gesamtumsatz kletterte auf 9,878 Milliarden Euro. Die operative Marge sank zwar leicht auf 26,8 Prozent von 27,2 Prozent im Vorjahr, das Ergebnis je Aktie verbesserte sich aber deutlich auf 1,88 Euro von 1,44 Euro. Der Markt honorierte vor allem den kurzfristigen Vertragsbestand der Cloud-Sparte, der die Erwartungen übertraf.
Die entscheidende Frage
Die Aktie notiert aktuell bei 177,02 Euro und legt am heutigen Freitag um 2,51 Prozent zu. Der eigentliche Knackpunkt für Anleger liegt jedoch nicht im Tagesgeschäft, sondern im Tempo der Erholung: Der Relative-Stärke-Index auf 14-Tage-Basis steht bei 74,1 – ein klassisches Überkauft-Signal. Die Frage, die sich damit stellt: Trägt die fundamentale Story aus Cloud-Wachstum und regulatorischer Entlastung eine weitere Ausdehnung der Rally, oder folgt nach dem kräftigen Anstieg eine technische Verschnaufpause?
Bullisches Szenario
Für die Bullen spricht, dass die Kursbewegung nicht aus dem Nichts kommt. Der Cloud-Backlog wächst zweistellig, die Auftragslage übertraf die Erwartungen deutlich, und Vorstandsmitglieder kauften genau in der Schwächephase nach den Zahlen zu. Die kartellrechtliche Entlastung entfernt zudem ein Risiko, das seit Monaten über der Datenstrategie-Debatte um SAP hing. Am Markt für Analystenmeinungen überwiegt der Optimismus deutlich: Ein Überblick zählt 23 Kaufempfehlungen gegenüber vier Halten-Einschätzungen und keinem Verkaufsvotum, der Gesamtkonsens lautet „Strong Buy“ mit einem durchschnittlichen Kursziel von 201,55 Euro. Bernstein SocGen Group sieht mit 273,00 Euro das höchste Ziel im Feld, KeyBanc nennt 235,00 Euro, Barclays senkte sein Ziel zwar leicht auf 210,00 Euro von 220,00 Euro, beließ aber die Kaufempfehlung.
Bärisches Szenario
Die Gegenseite verweist auf die Bewertungsdynamik selbst. Ein RSI von 74,1 nach einem Kursplus von 28,13 Prozent in nur 30 Tagen zeigt eine Aktie, die kurzfristig sehr weit gelaufen ist – solche Bewegungen laden erfahrungsgemäß zu Gewinnmitnahmen ein. Nicht jedes Analystenhaus teilt die Euphorie: Die DZ Bank blieb Ende Juli mit einem Kursziel von 120 Euro deutlich skeptischer als der Rest des Feldes, auch Goldman Sachs senkte sein Ziel am 24. Juli von 230 auf 215 Euro, hielt zwar an „Buy“ fest, signalisierte damit aber vorsichtigere Erwartungen. Zudem bleibt die operative Marge unter Druck – sie fiel im zweiten Quartal auf 26,8 Prozent von 27,2 Prozent –, und der Ausblick für das Non-IFRS-Betriebsergebnis 2026 wurde bereits angepasst, um Verwässerungseffekte aus den Übernahmen von Dremio und Prior Labs abzubilden. Auf Sicht von zwölf Monaten liegt die Aktie noch immer deutlich im Minus, seit Jahresbeginn ebenfalls klar unter dem Ausgangsniveau – die Erholung ist bislang eine Gegenbewegung, kein neuer Trend über Jahresfrist.
Ausblick
Solange der Cloud-Backlog zweistellig wächst und keine neuen kartellrechtlichen Schritte folgen, dürfte das bullische Lager die Deutungshoheit behalten – zumal die breite Analystenmehrheit die Kaufseite stützt. Kippt dagegen die technische Verfassung, sichtbar an einem RSI weit über 70, könnte eine Korrektur der jüngsten Kursgewinne einsetzen, ohne dass sich am fundamentalen Bild etwas ändert. Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit den Zahlen zum dritten Quartal, die SAP nach bisherigen Angaben am 21. Oktober vorlegen soll. Bis dahin bleibt entscheidend, ob sich der Cloud-Auftragsbestand im laufenden Tempo weiterentwickelt – und ob das Bundeskartellamt die Akte tatsächlich endgültig schließt oder sich weitere Schritte vorbehält.
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