SAP ist am Freitag um 5,4 Prozent gestiegen – ausgerechnet an einem Tag, an dem Gerüchte über ein mögliches Delisting des US-Konkurrenten Workday für 43 Milliarden Dollar die gesamte europäische Softwarebranche beflügelten. Auch Dassault Systèmes und Sage legten kräftig zu.
Für mich ist das mehr als ein Sympathieeffekt: Es zeigt, wie sehr Anleger derzeit nach europäischen Software-Alternativen suchen, die nicht in den Sog US-amerikanischer Übernahmefantasien geraten, sondern selbst operativ liefern.
Und SAP liefert. Innerhalb von 14 Börsentagen hat sich der Kurs von 128 auf 183 Euro erholt, ein Wertzuwachs von rund 63 Milliarden Euro Marktkapitalisierung. Das ist keine reine Stimmungsrally.
Das Cloudgeschäft wächst um 22 Prozent, ein Rekordumsatz von rund 26 Milliarden Euro wird erwartet, und zwei Drittel aller neuen Cloud-Verträge enthalten mittlerweile KI-Lösungen. Wer glaubt, SAP sei nur ein Nutznießer des allgemeinen KI-Hypes, unterschätzt, wie tief die Technologie bereits ins Kerngeschäft eingezogen ist.
Die Analystenseite: Bevorzugt statt nur mitgezogen
Bemerkenswert finde ich die Einordnung von Citi, die SAP unter den europäischen Softwarewerten explizit favorisiert – mit Verweis auf ein vergleichsweise geringes KI-Risiko. Das ist eine bewusste Differenzierung gegenüber Wettbewerbern, deren Geschäftsmodelle stärker von der Verfügbarkeit und Preisgestaltung fremder KI-Modelle abhängen.
AlphaValue wiederum verweist auf solide Ergebnisse bei Software-Unternehmen wie Shopify, Toast und Samsara als Beleg dafür, dass die Branche insgesamt Substanz zeigt, nicht nur Kurshoffnung.
Auch charttechnisch mehren sich für mich die Argumente: Die FAZ verortet SAP zusammen mit Diageo unter den Werten mit neuen Kaufsignalen, in einem Marktumfeld, in dem mehr als 70 Prozent der Stoxx-600-Mitglieder über ihrer 200-Tage-Linie notieren. SAP fügt sich damit in eine breitere, intakte Aufwärtsbewegung europäischer Aktien ein – kein Einzelphänomen.
Sicherheitslücke als Mahnung, nicht als Bruch der These
Ein Wermutstropfen, den ich nicht unterschlagen will: Parallel zur Kursrally wird eine kritische Schwachstelle in SAP Commerce Cloud mit Höchstwert auf der CVSS-Skala aktiv ausgenutzt – trotz bereits veröffentlichtem Patch.
Mehr als 4.200 IP-Adressen mit entsprechendem Fingerprint wurden identifiziert. Das ist kein Detail, das man ignorieren sollte, gerade bei einem Konzern, dessen Geschäftsmodell zunehmend auf Cloud-Vertrauen fußt.
Für mich schmälert das den fundamentalen Aufwärtstrend nicht, mahnt aber zur Wachsamkeit: Sicherheitsvorfälle können das Vertrauen in Cloud-Anbieter schneller erschüttern als jede Kursschwäche.
Eingebettet in eine deutsche Gewinnsaison mit zwei Gesichtern
Interessant ist der Kontext, in dem sich SAPs Erholung abspielt. Die DAX-Konzerne insgesamt meldeten für das zweite Quartal 2026 ein Rekord-Ebit von 52,6 Milliarden Euro, ein Plus von 16 Prozent – doch gleichzeitig baute die deutsche Industrie, allen voran die Autobranche, tausende Stellen ab.
SAP steht damit stellvertretend für die Gewinner dieser Verschiebung: Wachstumsbranchen wie Software und KI expandieren, während traditionelle Industriezweige schrumpfen. Wer auf den deutschen Aktienmarkt schaut, sollte diese Zweiteilung im Blick behalten – sie erklärt, warum ausgerechnet ein Softwarekonzern derzeit zu den Zugpferden des DAX zählt.
Mein Fazit
Die Kombination aus starkem Cloud-Wachstum, einer Analystengemeinde, die SAP explizit gegenüber Wettbewerbern bevorzugt, und einem intakten technischen Bild spricht für mich dafür, dass die jüngste Erholung fundamental unterlegt ist und nicht nur auf Übernahmegerüchten bei Workday reitet.
Die aktiv ausgenutzte Sicherheitslücke relativiert das Bild nicht grundsätzlich, sollte aber als Erinnerung dienen, dass operative Risiken bei einem Cloud-Konzern nie vollständig verschwinden. Unterm Strich überwiegen für mich die Chancen – auch wenn die Dynamik der vergangenen Wochen kaum linear so weitergehen dürfte.
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