Ein Tag reicht nicht, um ein Urteil zu fällen – aber er reicht, um eine Frage zu stellen. SAP legt heute um 2,6 Prozent zu, nur einen Tag nachdem UBS die Aktie von „Buy“ auf „Neutral“ zurückgestuft hatte. Für mich ist das mehr als eine technische Gegenbewegung. Es ist ein Indiz dafür, dass der Markt die Skepsis der Bank nicht teilt.
Die Abstufung selbst war kein Nichts. UBS bemängelte am Dienstag, dass SAP von den angepeilten 200 sofort einsetzbaren KI-Agenten bislang erst 17 veröffentlicht hat – ein Rückstand, der das ambitionierte Jahresziel fraglich erscheinen lässt. Santander äußerte laut Medienberichten ähnliche Zweifel. Das ist ein legitimer Einwand, den ich nicht kleinreden will: Wer SAP als KI-Wachstumsstory kauft, muss liefern sehen, nicht nur ankündigen.
Operatives Geschäft widerspricht der Verzögerungs-These
Doch genau hier trennt sich für mich die berechtigte Detailkritik von einer grundsätzlichen Investmentthese. Die Zahlen zum zweiten Quartal, veröffentlicht Ende Juli, zeigen ein Unternehmen, dessen Kerngeschäft robust wächst.
Der Current Cloud Backlog stieg um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, die Cloud-Erlöse legten währungsbereinigt um 24 Prozent zu, die Cloud-ERP-Suite sogar um 27 Prozent. Das ist keine Wachstumsdelle, das ist Beschleunigung.
SAP hat den Ausblick für 2026 daraufhin bestätigt beziehungsweise präzisiert: Beim Cloud-Umsatz peilt der Konzern 25,8 bis 26,2 Milliarden Euro an, ein Plus von 23 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Beim Non-IFRS-Betriebsergebnis liegt die Spanne bei 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro, was einem Zuwachs von 13 bis 17 Prozent entspräche – inklusive eines Verwässerungseffekts von über 100 Millionen Euro aus den Übernahmen von Dremio und Prior Labs. Wer solche Zahlen liefert, hat sich meiner Meinung nach das Vertrauen der Anleger verdient, auch wenn die KI-Agenten-Roadmap hinterherhinkt.
Bezeichnend finde ich auch, wie unterschiedlich die Analystenhäuser die jüngere Entwicklung gewichten. Barclays senkte Ende Juli sein Kursziel von 255 auf 220 Euro, bekräftigte aber die Kaufempfehlung „Overweight“. Das liest sich für mich weniger wie ein Vertrauensverlust als wie eine Anpassung an ein volatileres Marktumfeld – die grundsätzlich positive Haltung blieb bestehen.
Insider kaufen, während Analysten streiten
Was mich in meiner Einschätzung bestärkt: Während die einen Häuser Zweifel äußern, kaufen Menschen innerhalb des Unternehmens, die den Geschäftsverlauf aus erster Hand kennen. Vorstandsmitglied Thomas Heinrich Saueressig erwarb Ende August 1.500 Aktien zu 178,30 Euro.
Solche Käufe sind kein Beweis für steigende Kurse, aber sie sind ein Signal – und in Kombination mit robusten Cloud-Zahlen wiegt dieses Signal für mich schwerer als eine einzelne Rating-Abstufung.
Strategisch hat SAP zudem in den vergangenen Monaten konsequent an seiner KI- und Datenplattform gearbeitet: Die Übernahme von Prior Labs, mit einem Investitionsvolumen von über einer Milliarde Euro über vier Jahre, sowie der Abschluss der Dremio-Akquisition zur Stärkung des Data-Lakehouse-Angebots zeigen, dass der Konzern nicht nur ankündigt, sondern auch investiert. Die Frage ist nicht, ob SAP die KI-Transformation ernst nimmt, sondern wie schnell sich diese Investitionen in Produktreife übersetzen.
Mein Fazit
Die heutige Erholung um 2,6 Prozent ist noch kein Urteil des Marktes, aber sie passt zu einem Muster: robuste operative Zahlen, anhaltende Kaufempfehlungen trotz gesenkter Kursziele, und Insider, die selbst zugreifen.
Die Zweifel an der KI-Agenten-Roadmap sind berechtigt und verdienen Beobachtung – wer im Jahresverlauf weiterhin nur einen Bruchteil der 200 angepeilten Agenten sieht, hat ein echtes Argument gegen die Story.
Doch solange das Cloud-Geschäft mit zweistelligen Raten wächst, überwiegen für mich die Chancen die Risiken. Die Abstufung von UBS lese ich als Mahnung zur Wachsamkeit, nicht als Абgesang auf die Wachstumsgeschichte.
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