Das Bundeskartellamt hat seine Vorermittlungen gegen SAP eingestellt. Ein förmliches Missbrauchsverfahren kommt nicht zustande, wie die Wettbewerbsbehörde am Dienstag mitteilte. Wettbewerber wie Celonis hatten SAP vorgeworfen, den Zugang zu ERP-Daten zu beschränken und Produkte wie Signavio unzulässig zu bündeln. Die Vorwürfe bestätigten sich nach Prüfung der Behörde nicht. SAP begrüßte die Entscheidung.
Die Klärung des Kartellthemas fällt in eine Phase, in der der Softwarekonzern operativ Stärke zeigt. Im zweiten Quartal 2026 wuchs das Cloud-Geschäft um 24 Prozent auf 6,28 Milliarden Euro. Der Auftragsbestand im Cloud-Geschäft, der sogenannte Cloud-Backlog, legte um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro zu – ein Indikator für künftige Umsätze, den Anleger besonders genau verfolgen. Für das Gesamtjahr peilt SAP einen Cloud-Umsatz von rund 30 Milliarden US-Dollar an, ein Plus von 23 bis 25 Prozent. Vorstandschef Christian Klein verwies darauf, dass der indirekte Vertriebskanal über Partner derzeit stärker wächst als der direkte Vertrieb. Als größte Herausforderung nannte er die Konkurrenz durch KI-Anbieter wie OpenAI und Anthropic.
Gewinnprognose sinkt wegen KI-Zukäufen
Trotz des kräftigen Cloud-Wachstums senkte SAP die Gewinnprognose für das laufende Jahr leicht. Das operative Ergebnis 2026 soll nun zwischen 11,8 und 12,2 Milliarden Euro liegen. Grund für die Anpassung sind Zukäufe im KI-Bereich, konkret die Übernahmen von Dremio und Prior Labs. Der Konzern investiert damit gezielt in Technologien, die das eigene Angebot rund um künstliche Intelligenz stärken sollen – auch wenn das kurzfristig auf die Marge drückt.
An der Börse kam die Kombination aus bestätigtem Wachstum, geklärter Kartellrechtslage und strategischer Investition zunächst gut an. Die Aktie hatte sich in den zurückliegenden sieben Handelstagen um rund 30 Prozent erholt und war am Montag bis auf das Juni-Hoch von etwa 164 Euro vorgestoßen. Am heutigen Dienstag gibt das Papier nun leicht nach: Der Kurs notiert bei 163,44 Euro, ein Minus von 0,95 Prozent gegenüber dem Vortag. Damit bleibt die Aktie unter dem 200-Tage-Durchschnitt von 174,00 Euro, von dem sie gut sechs Prozent entfernt notiert – ein Hinweis darauf, dass der übergeordnete Abwärtstrend der vergangenen Monate technisch noch nicht überwunden ist. Zugleich hat sich das Papier binnen 30 Tagen um mehr als 16 Prozent verteuert, was die jüngste Erholungsdynamik unterstreicht.
Analysten mit stark divergierenden Kurszielen
Die Einschätzungen am Markt fallen ungewöhnlich weit gestreut aus. Jefferies sieht ein Kursziel von 210 Euro, Bernstein traut der Aktie sogar 273 Euro zu. Am skeptischen Ende steht die DZ Bank mit lediglich 120 Euro – ein Kursziel, das deutlich unter dem aktuellen Niveau liegt. Diese Spannbreite spiegelt die Unsicherheit wider, wie stark die KI-Investitionen kurzfristig auf die Profitabilität drücken und wie nachhaltig das Cloud-Wachstum tatsächlich ist. Charttechnisch gilt die Marke von 164 Euro als entscheidender Widerstand: Ein nachhaltiger Ausbruch darüber würde nach Einschätzung von Marktbeobachtern ein weiteres Kaufsignal liefern, während ein Rückfall die jüngste Erholung erneut infrage stellen könnte.
Für Anleger bleibt SAP damit ein Fall mit zwei Gesichtern: Operativ liefert der Konzern mit zweistelligem Cloud-Wachstum und einem kräftig steigenden Auftragsbestand solide Zahlen, während die Gewinnprognose durch bewusste KI-Investitionen belastet wird. Die rechtliche Entlastung durch das Bundeskartellamt nimmt zumindest ein Risiko von der Agenda. Ob der eingeschlagene Erholungskurs der Aktie tragfähig ist, dürfte sich an der Reaktion auf die Marke von 164 Euro in den kommenden Handelstagen entscheiden.
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