Ausgangslage: Ein Kurssprung mit mehreren Auslösern
SAP führt die Rallye im DAX an. Nach starken Quartalszahlen und dem Ende eines Kartellverfahrens sprang die Aktie am Freitag um 1,65 Prozent auf 159,40 Euro. Medienberichten zufolge summierte sich der Kursgewinn binnen weniger Handelstage auf knapp zehn Prozent. Über die vergangenen sieben und dreißig Tage steht ein Plus von jeweils 13,45 Prozent zu Buche.
Der Rückenwind kam von mehreren Seiten zugleich. Das Bundeskartellamt stellte am Freitag seine Vorermittlungen gegen SAP wegen des Verdachts auf Marktmachtmissbrauch beim Datenzugriff ein – die Vorwürfe des Wettbewerbers Celonis bestätigten sich demnach nicht. Zuvor hatte SAP am 23. Juli seine Quartalszahlen vorgelegt: Der Cloud-Umsatz kletterte um 22 Prozent auf 6,3 Milliarden Euro, der Auftragsbestand im Cloud-Geschäft wuchs um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro. Der Gesamtumsatz stieg um 9 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro, das IFRS-Ergebnis je Aktie kletterte von 1,46 auf 1,89 Euro.
Warum zählt das gerade jetzt? Trotz der jüngsten Erholung notiert die Aktie noch immer 38,36 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 258,60 Euro vom Juli 2025 und liegt seit Jahresbeginn mit 23,91 Prozent im Minus. Die Rallye ist damit eher eine Gegenbewegung als eine vollständige Trendwende – und genau das macht die kommenden Wochen zur Bewährungsprobe.
Die entscheidende Frage: Trägt das Cloud-Wachstum die gesenkte Guidance?
Der Knackpunkt für Anleger liegt in einem scheinbaren Widerspruch: SAP meldete starkes Cloud-Wachstum, senkte aber gleichzeitig den Ausblick fürs Gesamtjahr. Das bereinigte operative Ergebnis (Non-IFRS) soll nun zwischen 11,8 und 12,2 Milliarden Euro liegen, zuvor waren bis zu 12,3 Milliarden Euro avisiert. Als Grund nannte SAP Verwässerungseffekte durch jüngste Zukäufe. Die entscheidende Kennzahl für die nächsten Monate ist deshalb nicht der Umsatz, sondern die Marge: Kann SAP das Cloud-Wachstum profitabel skalieren, oder frisst die Integration neuer Übernahmen die Erträge auf?
Zu diesen Zukäufen zählt der im Juli abgeschlossene Erwerb des KI-Start-ups Prior Labs, mit dem SAP seine „Business AI“-Strategie stärken will. Die Übernahme des Data-Lakehouse-Spezialisten Dremio ist dagegen noch nicht vollzogen – sie soll im dritten Quartal 2026 abgeschlossen werden. Beide Deals sollen SAP tiefer in datengetriebene KI-Anwendungen bringen, belasten aber kurzfristig die Ergebnisrechnung.
Bullisches Szenario: Cloud-Dynamik überstrahlt die Delle
Für Optimisten spricht die reine Wachstumsdynamik. Ein Auftragsbestand von 22,9 Milliarden Euro im Cloud-Geschäft signalisiert sichtbare Umsätze für die kommenden Quartale. Jefferies stufte die Aktie am 28. Juli auf „Buy“ mit einem Kursziel von 210,00 Euro ein und verwies auf die über den Erwartungen liegende Dynamik bei Cloud-Abonnements. Auch Barclays beließ die Einstufung am 27. Juli bei „Overweight“, senkte allerdings das in US-Dollar notierte Kursziel von 255 auf 242 US-Dollar wegen eines leicht verfehlten Gewinns je Aktie.
Zusätzliches Vertrauen signalisiert der Kapitalmarkt selbst: SAP startete am 27. Juli die zweite Tranche seines Aktienrückkaufprogramms 2026 mit einem Volumen von bis zu 2,6 Milliarden Euro, eingebettet in ein bis Ende 2027 laufendes Zehn-Milliarden-Programm. Parallel baute Großaktionär Harald Tschira seinen Stimmrechtsanteil über Stimmbindungsverträge mit Udo Tschira von 0,57 auf 4,22 Prozent aus – ein Signal für langfristiges Vertrauen in die Substanz des Konzerns.
Bärisches Szenario: Die Guidance-Senkung als Warnzeichen
Die Kehrseite der Medaille ist ernst zu nehmen. Eine Guidance-Senkung bleibt eine Guidance-Senkung, unabhängig davon, wie sie begründet wird. Verwässerungseffekte durch Zukäufe wie Prior Labs und die noch ausstehende Dremio-Übernahme könnten sich als hartnäckiger erweisen als angenommen, sollte die Integration länger dauern oder teurer werden als geplant.
Zudem bleibt die Volatilität hoch: Mit 49,19 Prozent auf Jahresbasis schwankt die Aktie deutlich stärker als der breite Markt, was auch die jüngste Erholung fragil macht. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt liegt weiterhin bei minus 8,74 Prozent – ein Hinweis darauf, dass der übergeordnete Abwärtstrend seit dem Hoch vom Sommer 2025 noch nicht überwunden ist. Ein RSI von 64,1 signalisiert zudem, dass die Aktie nach dem Kurssprung technisch nicht mehr günstig ist.
Ausblick: Der 21. Oktober als nächster Prüfstein
Solange der Cloud-Auftragsbestand weiter zweistellig wächst und die Rückkäufe die Nachfrage stützen, dürfte die Erholung Bestand haben. Kippt jedoch die Marge unter den unteren Rand der gesenkten Guidance-Spanne von 11,8 Milliarden Euro, würde das Vertrauen in die Integrationsfähigkeit der jüngsten Zukäufe erneut auf die Probe gestellt.
Der nächste konkrete Prüfstein steht bereits fest: Am 21. Oktober veröffentlicht SAP die Zahlen zum dritten Quartal 2026. Bis dahin dürfte sich entscheiden, ob der Kurssprung der vergangenen Tage der Beginn einer nachhaltigen Erholung ist – oder nur eine kräftige Gegenbewegung innerhalb eines Abwärtstrends, der die Aktie seit ihrem Hoch vor einem Jahr begleitet.
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