Ausgangslage: Zwei Entlastungssignale in einer Woche
Für SAP-Anleger hat sich die Nachrichtenlage am vergangenen Freitag spürbar aufgehellt. Das Bundeskartellamt stellte sein Missbrauchsverfahren gegen den Konzern ohne Auflagen ein. Der Wettbewerber Celonis hatte die Behörde ursprünglich wegen möglicher Zugangsbeschränkungen beim Datenzugriff eingeschaltet – die Wettbewerbshüter fanden dafür keine ausreichenden Belege. Damit fällt ein Unsicherheitsfaktor weg, der die Aktie monatelang begleitet hatte.
Am selben Tag wurde bekannt, dass Ankeraktionär Harald Tschira seinen Stimmrechtsanteil über Bindungsverträge von 0,57 Prozent auf 4,22 Prozent aufgestockt hat. Ein solcher Schritt lässt sich als Vertrauenssignal lesen, auch wenn er allein keine neue Wachstumsstory begründet. Der Kurs reagierte auf die Gemengelage: Zum Wochenschluss stand SAP bei 159,40 Euro, nach einem Plus von 14,30 Prozent auf Monatssicht. Dennoch bleibt die Aktie 8,74 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt – die Erholung hat den langfristigen Abwärtstrend bislang nicht gebrochen.
Die entscheidende Frage: Trägt das Cloud-Wachstum die gesenkte Marge?
Der eigentliche Prüfstein liegt nicht im Kartellverfahren, sondern in den Zahlen vom 23. Juli. SAP meldete für das zweite Quartal 2026 einen Cloud-Umsatz von 6,28 Milliarden Euro, ein Plus von 22 Prozent, währungsbereinigt sogar 24 Prozent. Der Gesamtumsatz wuchs um 9 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro, das Non-IFRS-Betriebsergebnis legte um 7 Prozent auf 2,74 Milliarden Euro zu. Gleichzeitig engte der Konzern seine Jahresguidance für das Non-IFRS-Betriebsergebnis von zuvor 11,9 bis 12,3 Milliarden Euro auf nun 11,8 bis 12,2 Milliarden Euro ein – als Grund nannte SAP Verwässerungseffekte aus jüngsten Übernahmen.
Genau hier entzweien sich die Analysten. Goldman Sachs senkte das Kursziel am 27. Juli von 230 auf 215 Euro, bestätigte aber nach Prüfung der Margenentwicklung im zweiten Quartal die Einstufung „Buy“. Jefferies-Analyst Charles Brennan bekräftigte tags zuvor ebenfalls „Buy“ mit einem Kursziel von 210 Euro und verwies dabei auf den robusten Cloud-Auftragsbestand als Kompensation für die Margenbelastung. Andere Häuser sind zurückhaltender gestimmt: JP Morgan beließ es bei „Neutral“ mit einem Kursziel von 175 Euro, während Bernstein, Deutsche Bank und Wells Fargo ihre Ziele zwischen 180 und 273 Euro verorten. Die Spanne zeigt: Der Markt ist sich uneins, ob das Cloud-Wachstum die Verwässerung aus den Zukäufen dauerhaft überkompensieren kann.
Bullisches Szenario
Setzt sich das währungsbereinigte Cloud-Wachstum von 24 Prozent fort, dürfte die Guidance-Kürzung als vorübergehende Integrationslast interpretiert werden statt als strukturelles Problem. Der Wegfall des Kartellrisikos entfernt zudem eine regulatorische Belastung, die potenziell empfindliche Auflagen zum Datenzugriff hätte nach sich ziehen können. Bleibt die Nachfrage nach Cloud-Produkten hoch und wächst der Auftragsbestand weiter, könnten die optimistischeren Kursziele von Bernstein, Goldman Sachs und Jefferies – zwischen 210 und 273 Euro – erreichbar werden. Die Aufstockung Tschiras signalisiert zumindest, dass ein langjähriger Großaktionär trotz der Guidance-Senkung Vertrauen in die mittelfristige Entwicklung setzt.
Bärisches Szenario
Die Kehrseite: Eine Guidance-Kürzung bleibt eine Guidance-Kürzung, unabhängig von der Begründung. Wiederholen sich Verwässerungseffekte aus Akquisitionen in kommenden Quartalen, könnte sich der Cloud-Wachstumsausweis als weniger werthaltig erweisen, als die Rohzahlen suggerieren. JP Morgans Kursziel von 175 Euro liegt unterhalb des aktuellen Kursniveaus und signalisiert, dass nicht jedes Haus die jüngste Erholung für gerechtfertigt hält. Die Aktie notiert trotz der jüngsten Rally weiterhin 8,74 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt – ein Hinweis darauf, dass der übergeordnete Abwärtstrend technisch noch nicht überwunden ist. Zudem bleibt die Ausgangsbasis belastet: Auf Jahressicht steht die Aktie deutlich im Minus, was zeigt, wie viel Vertrauen erst zurückgewonnen werden muss, bevor von einer nachhaltigen Trendwende gesprochen werden kann.
Ausblick
Solange SAP das Cloud-Wachstum oberhalb der 20-Prozent-Marke hält und die Guidance-Anpassung als isolierten Integrationseffekt kommunizieren kann, bleibt das bullische Lager mit Zielen bis 273 Euro intakt. Rutscht das Wachstumstempo ab oder belasten weitere Akquisitionen die Marge stärker als erwartet, dürfte sich die vorsichtigere Einschätzung von JP Morgan mit einem Kursziel von 175 Euro als realistischerer Maßstab erweisen. Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit der Quartalsmitteilung zum dritten Quartal 2026, die SAP für den 21. Oktober angekündigt hat. Erst dann zeigt sich, ob die Entlastung durch das eingestellte Kartellverfahren und den gestiegenen Rückhalt des Ankeraktionärs tatsächlich in einen stabilen Aufwärtstrend münden oder ob die Marge das eigentliche Bremsmoment bleibt.
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