Ausgangslage: Rückkäufe treffen auf eine fulminante Kurserholung
SAP befindet sich in einer ungewöhnlichen Doppelbewegung. Auf der einen Seite kauft der Konzern im Rahmen eines laufenden Rückkaufprogramms eigene Aktien zurück – in der Woche vom 27. bis 31. Juli erwarb SAP 2,18 Millionen Aktien für insgesamt 344,3 Millionen Euro, zu einem Durchschnittskurs von 157,62 Euro. Am Montag kündigte der Konzern zusätzlich ein neues Rückkaufprogramm an. Auf der anderen Seite hat die Aktie diesen Durchschnittskurs längst hinter sich gelassen: Sie steht aktuell bei 177,56 Euro, ein Plus von 2,83 Prozent gegenüber dem Vortag. Über die vergangenen 30 Tage hat das Papier um 28,52 Prozent zugelegt.
Diese Konstellation ist für Anleger relevant, weil sie zwei Signale gleichzeitig sendet. Der Rückkauf zeigt, dass SAP das eigene Papier auf niedrigerem Niveau für unterbewertet hielt. Die anschließende Rally wirft die Frage auf, ob dieses Fenster inzwischen geschlossen ist – und ob der operative Fortschritt die neue Bewertung überhaupt trägt. Rückenwind kam zuletzt von den Quartalszahlen: Im zweiten Quartal 2026 wuchs der Cloud-Backlog um 27 Prozent auf 22,9 Milliarden Euro, die Cloud-Erlöse legten währungsbereinigt um 24 Prozent zu, die Cloud-ERP-Suite sogar um 27 Prozent. Der Gesamtumsatz stieg währungsbereinigt um 11 Prozent. Parallel dazu hat die EU-Kommission wettbewerbsrechtliche Bedenken zu SAPs Support-Dienstleistungen für On-Premises-ERP-Systeme ausgeräumt und die von SAP angebotenen Verpflichtungen als rechtsverbindlich akzeptiert – ein Unsicherheitsfaktor weniger auf der regulatorischen Seite.
Die entscheidende Frage: Rechtfertigt das Cloud-Wachstum die neue Bewertung?
Der zentrale Streitpunkt für die kommenden Wochen ist, ob das Wachstumstempo im Cloud-Geschäft ausreicht, um das aktuelle Kursniveau zu untermauern, oder ob die Rally der operativen Realität vorausgelaufen ist. Barclays lieferte dazu am 28. Juli ein Signal: Die Analysten senkten ihr Kursziel von 255 auf 220 Euro, bestätigten aber das Rating „Overweight“. Die Kürzung deutet darauf hin, dass selbst optimistische Häuser ihre Modelle nach den jüngsten Zahlen neu justieren – bei gleichzeitig intaktem Vertrauen in die langfristige Story. Entscheidend wird sein, ob SAP das Wachstumstempo aus dem zweiten Quartal in den kommenden Berichten mindestens hält, während der Konzern gleichzeitig zusätzliche Investitionen stemmt: Für die vor Wochen abgeschlossenen Übernahmen von Dremio und Prior Labs plant SAP allein bei Prior Labs Investitionen von über einer Milliarde Euro in den nächsten vier Jahren.
Bullisches Szenario
Setzt sich der Trend aus dem zweiten Quartal fort, hat SAP gute Argumente auf seiner Seite. Ein Cloud-Backlog, der um mehr als ein Viertel wächst, signalisiert Visibilität für künftige Umsätze. Die Integration von Dremio als Data-Lakehouse-Plattform und von Prior Labs mit seinen tabellarischen Foundation-Modellen positioniert SAP zusätzlich im Feld agentischer KI-Anwendungen – ein Thema, das derzeit hohe Bewertungsprämien rechtfertigt. Die laufenden Aktienrückkäufe wirken zudem stützend auf den Kurs, solange der Konzern das Tempo hält. Fällt die ausgeräumte EU-Wettbewerbssorge als Belastungsfaktor endgültig weg, könnte das zusätzliches Anlegervertrauen zurückbringen.
Bärisches Szenario
Gegen die Rally sprechen mehrere Punkte. SAP hat den eigenen Ausblick für das Non-IFRS-Betriebsergebnis 2026 bereits angepasst: Der Verwässerungseffekt aus den Übernahmen von Dremio und Prior Labs wird auf über 100 Millionen Euro geschätzt – Investitionen in künftiges Wachstum belasten also schon jetzt die aktuelle Marge. Hinzu kommt, dass die jüngste Kursbewegung technisch überkauft wirkt; mehrere Indikatoren deuten auf eine angespannte Lage nach der starken Rally hin, was kurzfristige Rückschläge wahrscheinlicher macht. Und die Kürzung des Barclays-Kursziels von 255 auf 220 Euro zeigt, dass selbst wohlwollende Analysten die Luft nach oben inzwischen enger sehen als noch vor wenigen Wochen.
Ausblick
Solange SAP das Cloud-Wachstumstempo aus dem zweiten Quartal in den kommenden Monaten bestätigt und die Rückkäufe fortsetzt, bleibt das bullische Szenario intakt – auch wenn die kurzfristige technische Verfassung nach dem 30-Tage-Anstieg von 28,52 Prozent Konsolidierungsphasen wahrscheinlich macht. Kippt hingegen das Wachstumstempo im Cloud-Geschäft merklich, oder belasten die Integrationskosten von Dremio und Prior Labs die Marge stärker als angekündigt, dürfte die Bewertung schnell wieder unter Druck geraten. Der nächste konkrete Prüfstein folgt mit der Vorlage der Q3-2026-Zahlen, die für den 21. Oktober erwartet wird. Bis dahin bleibt die Aktie zwischen operativem Rückenwind und der Frage gefangen, wie viel davon im aktuellen Kurs bereits eingepreist ist.
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