Manchmal reicht eine Zahl, um eine ganze Branche in Bewegung zu setzen. Als Snowflake am Mittwoch seine Umsatzprognose für das Geschäftsjahr 2027 auf 6,07 Milliarden Dollar anhob, sprang die Aktie um 23 Prozent. Der Effekt schwappte weiter: ServiceNow, Salesforce, Atlassian und Adobe legten zwischen 3,5 und 6 Prozent zu.
Auch SAP wurde am Freitag mitgezogen, mit einem moderaten Plus. Die Frage, die sich Anleger stellen müssen: Ist das ein echter Rückenwind für den Walldorfer Konzern – oder nur ein Reflex, der an der eigentlichen Substanz vorbeigeht?
Der Kurs von SAP notiert aktuell bei 186,96 Euro. Der Blick auf die vergangenen 30 Tage zeigt ein Plus von 10 Prozent – ein Zeichen, dass die Aktie sich von ihrem Tief im Sommer merklich erholt hat.
Zugleich bleibt der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 242,00 Euro beträchtlich: Rund 23 Prozent fehlen noch bis dahin. Wer die Erzählung vom KI-getriebenen Softwareboom auf SAP übertragen will, muss also erklären, warum die Aktie trotz der Branchen-Euphorie so weit von ihren alten Höchstständen entfernt bleibt.
Zwei Erzählungen, ein Widerspruch
Auf der einen Seite steht die strukturelle Wachstumsgeschichte der Cloud- und KI-Anbieter, die Snowflake gerade wieder befeuert hat. Analysten sehen laut einem Bericht auf wallstreet-online.de bei SAP weiteres Potenzial, getrieben genau durch diesen Snowflake-Effekt – die Logik: Wenn Datenplattformen wachsen, wächst auch der Bedarf an ERP-Integration, an genau jener Kernkompetenz, die SAP in Projekten wie dem jüngst implementierten Cloud-ERP für den Hong Kong-Shenzhen Innovation and Technology Park demonstriert.
Dort wurden binnen drei Monaten Finanzen, Lieferkette, Beschaffung und Spesenmanagement integriert, inklusive SAP Concur für die mobile Abrechnung. Es ist die Art von Referenzprojekt, die zeigt: Die Technologie funktioniert, die Kunden setzen sie ein.
Auf der anderen Seite steht eine deutlich nüchternere Beobachtung, die Reuters am Freitag aus einer Citi-Umfrage unter CIOs zitierte. Das IT-Budgetwachstum ist demnach binnen eines Jahres von 2,6 auf 3,3 Prozent gestiegen. 68 Prozent der befragten europäischen IT-Verantwortlichen sehen eine makroökonomische Verschlechterung – und wichtiger noch: SAP wird in dieser Umfrage explizit als Anbieter genannt, dessen große Projekte von Verzögerungen bedroht sind, ebenso wie Dassault. Sage und Nemetschek gelten laut derselben Umfrage als widerstandsfähiger.
Das ist der eigentliche Kern der Geschichte, nicht die Kursbewegung von einem Tag. Denn während die Wall Street bei Snowflake, NetApp oder Zscaler Wachstumsraten von 25 bis 37 Prozent feiert und Oracle-Analysten von Bernstein sogar ein Verdoppelungspotenzial ausrufen, kämpft SAP mit einem anderen Problem: Die großen, planbaren Konzernprojekte, auf die das Geschäftsmodell so stark setzt, geraten ins Stocken, wenn CFOs vorsichtiger werden.
Was der Chart über die Erzählung verrät
Die technische Lage passt zu diesem gespaltenen Bild. Mit einem RSI von 61,9 ist die Aktie weder überkauft noch schwach, sie bewegt sich im neutralen bis leicht positiven Bereich. Der Abstand zum 200-Tage-Durchschnitt von 11 Prozent zeigt: Der mittelfristige Trend hat sich gedreht, nach oben. Aber die Jahresbilanz bleibt mit minus 11 Prozent seit Jahresanfang deutlich im Minus – ein Kontrast, der sich nicht wegdiskutieren lässt.
Genau hier liegt die eigentliche Pointe dieser Woche: Der KI-Boom bei Datenbank- und Sicherheitsanbietern wie Snowflake oder Zscaler ist real und lässt sich in Wachstumsraten messen. Ob SAP an diesem Boom in gleicher Weise partizipiert, hängt aber nicht von der Stimmung an einem einzelnen Handelstag ab, sondern davon, ob die europäischen CIOs ihre Budgets wieder öffnen.
Die Citi-Umfrage liefert dazu eine klare, wenn auch unbequeme Antwort: vorerst nicht in vollem Tempo. Wer SAP als Cloud-Gewinner erzählen will, muss diesen Gegenwind mitdenken – sonst bleibt die Geschichte nur die halbe Wahrheit.
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