Starke Cloud-Zahlen, schwacher Aktienkurs. Bei SAP klaffen operative Realität und Börsenstimmung derzeit weit auseinander. Genau in dieser kritischen Phase verordnet sich das Management eine strenge Schweigepflicht.
Seit dem 22. Juni gilt in Walldorf die sogenannte Quiet Period. Bis zur Vorlage der Halbjahreszahlen am 23. Juli gibt der Softwarekonzern keine Kommentare ab. Weder zu Umsatz und Margen noch zu möglichen Prognoseänderungen äußert sich der Vorstand. Diese Nachrichtensperre ist reine Routine vor Quartalsberichten.
Für Aktionäre kommt die Funkstille zur Unzeit. Die SAP-Aktie notiert aktuell bei 134,76 Euro. Damit trennen den Kurs nur knappe drei Prozent vom frischen 52-Wochen-Tief.
Seit Jahresbeginn summiert sich der Verlust auf über 33 Prozent. Der Abstand zur 200-Tage-Linie verdeutlicht den massiven Abwärtstrend. Marktbeobachter machen dafür auch schwache Vorgaben aus den USA verantwortlich. Eine gesenkte Prognose beim Konkurrenten Oracle zog den gesamten Softwaresektor nach unten. Investoren schichten ihr Kapital derzeit massiv in KI-Hardware um.
Operatives Wachstum trifft Margendruck
Fundamental steht Europas größter Softwarehersteller solide da. Im ersten Quartal stieg der Gesamtumsatz auf 9,56 Milliarden Euro. Das wichtige Cloud-Geschäft wuchs währungsbereinigt um 27 Prozent. Parallel dazu kletterte der Auftragsbestand in diesem Segment auf fast 22 Milliarden Euro.
Hohe Hardwarekosten für neue KI-Infrastruktur belasten allerdings die Margen. Analysten erwarten hier baldige Besserung. Michael Briest von der UBS rechnet für das zweite Quartal mit einer leichten Margenerholung. Sein Kursziel liegt bei 205 Euro. Der breite Analystenkonsens sieht den fairen Wert bei gut 247 Euro.
Milliardenwette auf Künstliche Intelligenz
Im Hintergrund treibt SAP den strategischen Ausbau voran. Das Unternehmen schließt voraussichtlich im Sommer zwei Übernahmen ab. Für mehr als eine Milliarde Euro kaufen die Walldorfer den deutschen KI-Pionier Prior Labs. Die Freiburger entwickeln Modelle für ein besseres statistisches Verständnis von Künstlicher Intelligenz.
Ergänzend übernimmt SAP den US-Anbieter Dremio. Dessen Technologie erlaubt die direkte Abfrage von Daten aus verschiedenen Systemen. Ein vorheriges Kopieren der Datensätze entfällt komplett. Beide Transaktionen sollen spätestens im dritten Quartal über die Bühne gehen.
Am 23. Juli um 22:05 Uhr fallen die Hüllen. Investoren werden den Halbjahresbericht auf zwei konkrete Kennzahlen abklopfen. Der Cloud-Auftragsbestand und die Cloud-Bruttomarge entscheiden über den kommerziellen Erfolg der KI-Strategie. Bis dahin müssen Aktionäre die aktuelle Schwächephase ohne verbale Unterstützung des Managements durchstehen.
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