Rund 32 Prozent im Minus seit Jahresbeginn — und jetzt schweigt das Management auch noch. SAP steckt in der Quiet Period vor den Halbjahreszahlen, während auf zwei Kontinenten Kartellverfahren laufen. Der 23. Juli wird zum Schlüsseldatum.
Informationsleere bis zum Quartalstag
Seit dem 22. Juni äußert sich der Vorstand nicht zur Geschäftsentwicklung. Margen, Prognosen, Ausblick — alles gesperrt bis nach der Zahlenveröffentlichung. Das macht die Aktie anfälliger für externe Einschätzungen und Gerüchte.
Am 23. Juli legt SAP nach Börsenschluss die Ergebnisse für das zweite Quartal vor. Spätestens in der Analystenkonferenz muss der Vorstand den Jahresausblick konkretisieren.
Kartellrisiko auf beiden Seiten des Atlantiks
Zur kommunikativen Stille kommen regulatorische Belastungen. Die Europäische Kommission prüft, ob SAP den Wettbewerb im Aftermarket für ERP-Wartung eingeschränkt hat. Bei einer Verurteilung droht ein Bußgeld von bis zu zehn Prozent des Jahresumsatzes.
Die Signale deuten allerdings auf eine außergerichtliche Einigung hin. Die Kommission hat bereits eine Marktprüfung zu SAPs Verpflichtungszusagen eingeleitet. SAP bietet Kunden mehr Wahlfreiheit bei Wartungsdienstleistern und mehr Flexibilität bei Lizenzen. Kommen keine belastbaren Einwände, endet das Verfahren ohne Bußgeld.
In den USA läuft ein separates Verfahren. Konkurrent Celonis wirft SAP vor, den Zugang zu Kundendaten gezielt zu erschweren, um das eigene Produkt SAP Signavio zu bevorzugen. Ein Bundesrichter in San Francisco hat den Prozess für den 7. Dezember 2026 angesetzt. Den Vorwurf der Monopolisierung eines Datenzugangs-Nachmarkts ließ der Richter zu — einige andere Klagepunkte wies er ab.
Rückkaufprogramm als einzige planbare Stütze
Bis zum 23. Juli bleibt das laufende Aktienrückkaufprogramm die einzige strukturierte Nachfrage auf der Käuferseite. SAP kauft seit Februar 2026 eigene Aktien zurück — mit einem Budget von bis zu 2,6 Milliarden Euro für diese Tranche. In der ersten Tranche erwarb der Konzern rund 16,3 Millionen Aktien zu durchschnittlich 161,16 Euro. Der aktuelle Kurs von 136,16 Euro liegt weit darunter. Das macht jeden weiteren Kauf auf diesem Niveau strukturell kursunterstützend. Das Gesamtprogramm läuft bis Ende 2027 und umfasst bis zu zehn Milliarden Euro.
Was Analysten trotzdem kaufen
Der Analystenkonsens bleibt trotz der Kursschwäche bullisch. Das durchschnittliche Kursziel aus neun Analysen liegt bei 218,75 Euro — mehr als 60 Prozent über dem aktuellen Kurs.
- UBS: Kursziel 205 Euro, „Buy“
- Berenberg: Kursziel 215 Euro, „Buy“
- Jefferies (Charles Brennan): Kursziel gesenkt von 230 auf 210 Euro, „Buy“ — Kritik am schwachen Umfeld der europäischen Softwarebranche
- Goldman Sachs: Bruttomarge-Schätzung für das zweite Halbjahr von 73,3 auf 72,8 Prozent gesenkt, höhere Hardwarekosten als Grund
- Bernstein Research: Kursziel 276 Euro
Berenberg verweist darauf, dass die Gewinne im ersten Quartal deutlich anzogen, das Sektor-Sentiment aber noch nicht auf Vorkrisenniveaus zurückgekehrt ist.
Was der Markt am 23. Juli sehen will
Im zweiten Quartal fällt ein Sondereffekt weg, der das Cloud-Wachstum im ersten Quartal begünstigt hatte. Im Auftaktquartal wuchs der Cloud-Umsatz währungsbereinigt um 27 Prozent auf 5,96 Milliarden Euro. Der Gewinn je Aktie lag bei 1,66 Euro — leicht über den Erwartungen von 1,64 Euro.
Für das Gesamtjahr 2026 peilt SAP einen Cloud-Umsatz zwischen 25,8 und 26,2 Milliarden Euro an. Das entspricht einem währungsbereinigten Wachstum von 23 bis 25 Prozent gegenüber dem Vorjahr.
Der Markt schaut vor allem auf Cloud-Auftragsbestand und Cloud-Bruttomarge. Beide zeigen, ob die KI-Strategie kommerziell trägt — oder nur auf dem Papier funktioniert.
Strukturell spricht ein weiterer Faktor für SAP: Deutsche Unternehmen migrieren aktiv von SAP ECC auf S/4HANA, weil der Mainstream-Support für ECC ausläuft. Dieser Migrationsdruck schafft Nachfrage unabhängig von der Börsenstimmung. Am 23. Juli zeigt sich, ob das operativ auch in den Zahlen ankommt.
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