Fast eine Milliarde Euro für Rheinmetall aus Großbritannien, ein Rekordquartal bei Kongsberg, eine abgeschlossene Übernahme im Wert von umgerechnet über 500 Millionen Euro bei Kraken Robotics – die Nachrichtenlage in der Rüstungsbranche könnte kaum besser klingen. Trotzdem geben die Kurse fast durchweg nach. Diese Diskrepanz zwischen operativer Stärke und Börsenreaktion prägt den Sektor derzeit wie kein anderes Thema.
Rekordzahlen treffen auf Verkaufslaune
Europas Verteidigungsindustrie liefert einige der stärksten operativen Ergebnisse seit Jahren. Rheinmetall, Renk, Kraken Robotics, Kongsberg Gruppen und MTU Aero Engines meldeten zuletzt neue Aufträge, Übernahme-Meilensteine oder strategische Partnerschaften – und in fast jedem Fall stagnierten die Aktien oder rutschten ab. Der Markt ist offenbar in eine neue Phase eingetreten: Auftragsbücher allein reichen nicht mehr. Anleger wollen sehen, dass Backlogs sich tatsächlich in Cashflow und Margen übersetzen. Die im Juni erfolgte Streichung des deutschen Fregatten-Programms F126 wirkt dabei als Mahnung nach: Selbst politisch gewollte Rüstungsprojekte können an den Kosten scheitern.
Rheinmetall: UK-Auftrag kann den Abwärtstrend nicht stoppen
Rheinmetall beteiligt sich an einem Konsortium, das die Gefechtsausbildung der britischen Armee digitalisieren soll. Unter Federführung von Raytheon UK übernimmt der Düsseldorfer Konzern die Rolle des „Land Collective Training Partner“ – sein Anteil am Auftrag liegt bei fast einer Milliarde Euro, die Umsetzung startet im Sommer und läuft über 15 Jahre als Servicevertrag. Standorte auf der Isle of Wight, in Southampton, Bristol und Warminster sollen davon profitieren, samt Ausbau von Personal und Fertigungskapazitäten.
An der Börse hilft das kaum. Die Aktie notiert aktuell bei 961,20 Euro und büßte allein heute 2,22 Prozent ein. Auf Wochensicht steht ein Minus von 13,75 Prozent, seit Jahresbeginn sind es fast 40 Prozent. Vom Rekordhoch bei 1.995 Euro aus dem September ist der Titel damit gut die Hälfte entfernt, wenngleich der RSI von 34,5 auf eine überverkaufte Lage hindeutet. Operativ bleibt das Bild solide: Der Auftragsbestand kletterte im ersten Quartal auf ein Rekordniveau, zusätzlich entsteht in Litauen eine neue Munitionsfabrik für Artilleriegeschosse mit einem Investitionsvolumen von bis zu 300 Millionen Euro.
Renk: Lynx-Partnerschaft wächst, Analysten werden vorsichtiger
Renk hat seine Zusammenarbeit mit Rheinmetall beim Schützenpanzer Lynx deutlich ausgeweitet. Das erweiterte Rahmenabkommen umfasst Getriebe und Achsantriebe für ein Fahrzeug, das inzwischen bei mehreren europäischen Streitkräften über Ungarn hinaus im Einsatz ist. Vorstandschef Michael Masur bezeichnete die Vereinbarung als Fortsetzung einer „erfolgreichen Partnerschaft“ und betonte die technologische Kernrolle von Renk beim Antrieb des Fahrzeugs.
Die Kursreaktion fällt trotzdem verhalten aus. Bei 42,12 Euro notiert die Aktie, ein Minus von 1,36 Prozent am Tag und von fast 13 Prozent auf Wochensicht. Seit Jahresbeginn hat der Titel knapp 24 Prozent verloren, über zwölf Monate sogar mehr als 43 Prozent. Jefferies bestätigte zwar sein Kaufrating, senkte aber das Kursziel von 70 auf 60 Euro. Deutlich kritischer positionierte sich mwb research mit einer Herabstufung von Kaufen auf Halten und einem Ziel von 50 Euro. Der Auftragseingang im ersten Quartal von über 580 Millionen Euro und ein Backlog von 6,9 Milliarden Euro zeigen dennoch, dass das operative Fundament trägt. Im August dürfte die Integration der Marinesparte David Brown Defence im Fokus der Halbjahreszahlen stehen.
Kraken Robotics: Übernahme abgeschlossen, Kurs hinkt hinterher
Kraken Robotics hat sich mit dem Abschluss der Covelya-Übernahme von einem Nischenanbieter für Unterwassertechnologie zu einem deutlich größeren Player gewandelt. Das Volumen der Transaktion lag bei rund 615 Millionen US-Dollar, finanziert über eine Kombination aus Barmitteln und neu ausgegebenen Aktien. CEO Greg Reid sieht das Unternehmen dadurch als globalen Anbieter für sicherheitsrelevante Unterwasser-Technologie positioniert.
Die Prognose für 2026 wurde entsprechend angehoben: Der Umsatz soll nun zwischen 290 und 320 Millionen US-Dollar liegen, das bereinigte EBITDA zwischen 65 und 75 Millionen US-Dollar. Der Kurs zeigt sich davon zunehmend überzeugt. Aktuell steht die Aktie bei 4,22 Euro, ein Plus von 3,69 Prozent am Tag und von fast 12 Prozent auf Wochensicht. Über zwölf Monate hat sich der Kurs nahezu verdoppelt. National Bank Financial senkte zwar das Kursziel von 13 auf 10 US-Dollar, sieht die Bewertung nach der Übernahme mit einem EV/Sales-Multiple von rund 4,2 aber weiterhin als attraktiven Einstiegspunkt.
Kongsberg Gruppen: Rekordumsatz, aber schwächeres Bestellmomentum
Kongsberg legte am Montag ein Quartal vor, das in der Firmengeschichte seinesgleichen sucht: Der Umsatz kletterte um 31 Prozent auf über 10 Milliarden norwegische Kronen und übertraf damit erstmals diese Marke. Getragen wurde das Wachstum von der Verteidigungsnachfrage aus NATO-Staaten, unter anderem durch Bestellungen für die Joint Strike Missile aus Kanada, Deutschland und den USA sowie einen Auftrag aus Kuwait für NASAMS-Luftabwehrsysteme im Volumen von 400 Millionen US-Dollar.
Trotzdem fiel die Aktie am Tag der Zahlen deutlich und setzte den Rückgang danach fort. Aktuell notiert der Titel bei 276,30 norwegischen Kronen, ein Wochenminus von 14,59 Prozent. Grund dafür dürfte auch das nachlassende Book-to-Bill-Verhältnis sein: Mit 1,6 lag es zwar über eins, aber deutlich unter den 2,9 aus dem ersten Quartal. In der Verteidigungssparte schrumpfte die operative Marge um 185 Basispunkte auf 17,7 Prozent. Für das Gesamtjahr bestätigte das Management dennoch ein Umsatzwachstum von über 30 Prozent, gestützt durch eine Auftragsdeckung von 86 Prozent für das zweite Halbjahr.
MTU Aero Engines: Wasserstoff-Vision spaltet die Analysten
MTU Aero Engines gründet zusammen mit Airbus ein Gemeinschaftsunternehmen für einen vollelektrischen, wasserstoffbetriebenen Brennstoffzellen-Antrieb. Ziel ist die Marktführerschaft bei emissionsfreiem Fliegen, der offizielle Start ist für 2027 geplant, vorbehaltlich behördlicher Freigaben. Da vor 2027 keine Umsätze aus dem Projekt fließen, reagierte der Markt zunächst mit Skepsis – die Kursverluste fielen bei MTU spürbarer aus als bei Airbus.
Bei den Analysten geht die Meinung deutlich auseinander. UBS stufte die Aktie von Neutral auf Verkaufen herab und senkte das Kursziel auf 275 Euro, mit Verweis auf die hohe Abhängigkeit vom Ersatzteilgeschäft in einem sich eintrübenden Marktzyklus. Jefferies hält dagegen und hob das Kursziel auf 500 Euro an, verbunden mit einer Kaufempfehlung. Der Konsens von 20 Analysten liegt bei einem Mittelwert von 386,10 Euro. Operativ zeigt sich das Unternehmen derweil robust: Der Umsatz wuchs zuletzt um 7 Prozent auf 2,2 Milliarden Euro. Aktuell notiert die Aktie bei 352,80 Euro, mit einem Kursplus von 8,72 Prozent auf 30-Tage-Sicht – der einzige klar positive Monatstrend im gesamten Sektor.
Sektordynamik im Überblick
- Rheinmetall & Kongsberg: Skalen-Champions mit Rekordbacklogs, aber unter Druck durch Margenfragen und geopolitische Störfeuer
- Renk: solides Auftragswachstum trifft auf zunehmend gespaltene Analystenmeinungen
- Kraken Robotics: einzige Aktie mit klarer Aufwärtsdynamik, getrieben von der Covelya-Integration
- MTU Aero Engines: Spagat zwischen stabilem Kerngeschäft und langfristiger, margenbelastender Technologiewette
- Gemeinsamer Nenner: Auftragswachstum reicht allein nicht mehr – der Markt verlangt Beweise für Cash-Conversion und Margenausweitung
Was Anleger jetzt im Blick behalten sollten
Die kommenden Wochen liefern mehrere Prüfsteine. Renks Halbjahreszahlen im August werden zeigen, ob die David-Brown-Integration tatsächlich Margenfortschritte bringt. Bei Kongsberg dürfte die Fähigkeit, das Book-to-Bill-Verhältnis oberhalb von 1,5 zu halten, genau beobachtet werden. Kraken Robotics steht vor der Aufgabe, Covelyas operativen Beitrag im zweiten Halbjahr sichtbar zu machen. MTUs nächster Zahlenausweis Ende Juli dürfte klären, ob sich die pessimistische UBS-These zum Ersatzteilzyklus bestätigt oder die Wasserstoff-Kooperation stärker ins Gewicht fällt. Rheinmetalls Herausforderung bleibt, den milliardenschweren UK-Auftrag und die litauische Munitionsfabrik in messbare Margenverbesserung zu übersetzen – genau das, was der Markt der gesamten Branche derzeit abverlangt.
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