Über 200 KI-Agenten, eine Milliarden-Übernahme im Verteidigungssektor und ein Delisting auf der Zielgeraden: Die Technologie-Branche zeigt sich in dieser Woche so vielschichtig wie selten zuvor. Während SAP sein gesamtes Produktportfolio um autonome Agenten herum neu aufstellt, feiert Rocket Lab USA Rekordkurse — und Northern Data bereitet sich auf das Ende seiner Börsennotierung vor.
SAP: Die autonome Fabrik für Geschäftsprozesse
SAPs jährliche Sapphire-Konferenz in Orlando hat die Messlatte verschoben. CEO Christian Klein präsentierte keine inkrementelle KI-Erweiterung, sondern eine grundlegend neue Architektur. Im Zentrum steht die sogenannte Autonomous Suite — ein agentisches System, das Geschäftsprozesse eigenständig steuern soll. Über 200 KI-Agenten, angetrieben durch die Joule-Plattform, sollen künftig HR, Beschaffung und Lieferketten orchestrieren.
Die Partnerliste liest sich wie ein Who’s Who der KI-Branche: Anthropic liefert Foundation-Modelle, NVIDIA stellt die sichere Laufzeitumgebung, AWS ermöglicht nahtlose Datenintegration. Google Cloud und Microsoft sorgen für bidirektionale Agenten-Interoperabilität. Ein 100-Millionen-Euro-Fonds soll Partnern den Rollout der Agenten-Lösungen erleichtern.
Der Kurs reagierte positiv. Die Aktie notiert aktuell bei 154,50 Euro — ein Plus von 3,23 % gegenüber dem Vortag und ein Wochengewinn von rund 8,5 %. Seit Jahresbeginn steht allerdings ein Minus von über 23 %. Die Bewertung spiegelt die Skepsis wider, ob SAP die autonome Vision gegen ServiceNow, Salesforce und Microsoft tatsächlich durchsetzen kann. BMO Capital, UBS und Berenberg halten an ihren Kaufempfehlungen fest, J.P. Morgan bleibt bei „Hold“.
Das Entscheidende wird der nächste Quartalsbericht: Dort muss SAP zeigen, dass die Autonomous Suite mehr ist als ein Marketinglabel — und dass Governance und Skalierung in der Praxis funktionieren.
Ondas Holdings: 199-Millionen-Dollar-Wette auf KI im Gefechtsfeld
Ondas Holdings hat mit der geplanten Übernahme des israelischen Verteidigungssoftware-Spezialisten Omnisys für 199 Millionen Dollar in Aktien einen strategischen Paukenschlag gesetzt. Omnisys entwickelt KI-gestützte Software zur Optimierung von Gefechtsfeld-Ressourcen — eine Orchestrierungsschicht, die Sensoren, autonome Systeme und Verteidigungsanlagen in Echtzeit koordiniert.
Die Transaktion ist komplex strukturiert:
- 29 Millionen Dollar in Aktien bei Abschluss
- 142,5 Millionen Dollar in fünf gleichen Raten nach Closing
- Bis zu 60 Millionen Dollar zusätzlich über drei Jahre bei Erreichen definierter Meilensteine
Der Markt reagierte skeptisch auf die Verwässerung. Die Aktie gab nach der Ankündigung rund 10 % ab und notiert heute bei 7,96 Euro — ein Tagesverlust von 5,58 %. Dabei lieferte Ondas im ersten Quartal 2026 beeindruckende Zahlen: 50,1 Millionen Dollar Umsatz bedeuten einen Anstieg von über 1.000 % im Jahresvergleich und lagen 31 % über den Analystenerwartungen. Der Auftragsbestand wuchs auf 457 Millionen Dollar, die Jahresprognose wurde auf mindestens 390 Millionen Dollar angehoben.
Acht Analysten bewerten die Aktie mit „Strong Buy“ und einem durchschnittlichen Kursziel von 20,13 Dollar. Die zentrale Frage bleibt, ob sich das explosive Umsatzwachstum verstetigen lässt, während gleichzeitig eine anspruchsvolle Akquisition integriert werden muss.
Rocket Lab USA: Vom Raketenstarter zum Verteidigungskonzern
Rocket Lab hat sich in wenigen Monaten von einem reinen Startdienstleister zu einem vertikal integrierten Verteidigungs- und Raumfahrtunternehmen gewandelt. Zwei Entwicklungen treiben diese Transformation: Die im April abgeschlossene Übernahme des Münchner Laserkommunikations-Spezialisten Mynaric AG und die Auswahl für das „Golden Dome“-Raketenabwehrprogramm der US-Regierung gemeinsam mit RTX.
Die Quartalszahlen untermauern den Aufstieg. Erstmals überschritt der Umsatz die 200-Millionen-Dollar-Marke in einem einzigen Quartal — ein Plus von 63,5 % gegenüber dem Vorjahr. Der Auftragsbestand kletterte auf 2,2 Milliarden Dollar. Für das zweite Quartal peilt das Management 225 bis 240 Millionen Dollar an, was erneut einen Rekord darstellen würde. Die Neutron-Rakete bleibt auf Kurs für ihren Erstflug im vierten Quartal 2026.
Am 14. Mai erreichte die Aktie bei 132,55 Dollar ihr Allzeithoch. Aktuell notiert sie bei 125,80 Dollar — seit Jahresbeginn ein Gewinn von knapp 66 %. Deutsche Bank hat das Kursziel von 73 auf 120 Dollar angehoben und die Kaufempfehlung bestätigt.
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Die Kehrseite: Mit einem Nettoverlust von 182,6 Millionen Dollar und einem Kurs-Gewinn-Verhältnis um 416 ist die Bewertung ambitioniert. Rocket Lab hat allerdings inzwischen Zugang zu nahezu jeder relevanten Schicht der nationalen Raketenabwehr — von Satellitenkommunikation über Sensorik bis hin zu Startkapazitäten. Das rechtfertigt in den Augen vieler Analysten die Premium-Bewertung.
DeFi Technologies: Profitabel, aber der Markt glaubt nicht daran
Ein profitables Quartal reicht offenbar nicht, wenn der Kurs zuvor 82 % seines 52-Wochen-Hochs eingebüßt hat. DeFi Technologies meldete für das erste Quartal 2026 einen Umsatz von 11,2 Millionen Dollar und einen Nettogewinn von 4,9 Millionen Dollar — schwarze Zahlen in einem schwierigen Kryptomarkt-Umfeld. Die Bilanz weist rund 156 Millionen Dollar an liquiden Mitteln, Stablecoins und Venture-Portfolio-Werten aus.
Der Umsatz schrumpfte allerdings deutlich gegenüber den 43,8 Millionen Dollar im Vorjahresquartal. Die Aktie quittierte die Zahlen mit einem Minus von über 12 % an einem einzigen Handelstag. Aktuell notiert das Papier bei 0,60 Euro — ein Verlust von knapp 20 % seit Jahresbeginn.
Personell setzt das Unternehmen auf bekannte Gesichter: Russell Starr, ehemaliger CEO und Head of Capital Markets, kehrt als strategischer Berater zurück. Er soll die Kapitalmarktstrategie und Investorenansprache stärken.
Die drei Analysten, die DeFi Technologies abdecken, vergeben ein „Strong Buy“ mit einem Durchschnittskursziel von 2,17 Dollar — was einem Aufwärtspotenzial von über 200 % entspräche. Ein Analyst senkte jüngst zwar sein Kursziel, hielt aber an der Kaufempfehlung fest. Die Kluft zwischen Analystenkonsens und Marktrealität zeigt, wie groß die Unsicherheit über den Zeitpunkt einer Kryptomarkt-Erholung bleibt.
Northern Data: Letzte Wochen an der Börse
Für Northern Data läuft der Countdown. Rumbles Übernahmeangebot hat die entscheidende Schwelle überschritten: Rund 81,3 % der ausstehenden Aktien sind dem US-Medien- und Technologiekonzern bereits zugesichert. Die verlängerte Annahmefrist läuft noch bis zum 1. Juni 2026. Das Tauschverhältnis steht fest: 2,0281 Rumble-Class-A-Aktien je Northern-Data-Anteil. Ein Delisting soll nach dem für Mitte Juni geplanten Closing folgen.
Für Rumble ist der Deal strategisch: Rund 22.400 Nvidia-GPUs, darunter leistungsstarke H100- und H200-Einheiten, wandern in die Rumble-Cloud-Infrastruktur. Tether hat zudem zugesagt, nach Abschluss der Transaktion GPU-basierte Rechenleistung im Wert von bis zu 150 Millionen Dollar über zwei Jahre abzunehmen.
Northern Datas Finanzen erzählen eine Geschichte in zwei Kapiteln. Im Geschäftsjahr 2025 brach der Umsatz um 34 % auf 80 Millionen Euro ein, der Verlust weitete sich auf 390 Millionen Euro aus. Das erste Quartal 2026 zeigte mit rund 43 Millionen Euro Umsatz und höherer GPU-Auslastung eine deutliche Verbesserung — die Northern Data als eigenständiges Unternehmen allerdings nicht mehr nutzen wird.
Die Aktie legte heute kräftig zu, um 11,11 % auf 14,50 Euro. Das durchschnittliche Analystenkursziel von 26,33 Euro dürfte angesichts des Delistings kaum noch relevant sein. Für verbliebene Aktionäre geht es jetzt vor allem um eine Entscheidung: Rumble-Aktien annehmen — oder vor dem Börsenabschied verkaufen.
Verteidigung, Agenten, Abschied — Tech-Aktien zwischen Aufbruch und Umbruch
Die fünf Unternehmen dieser Woche bilden ein Kaleidoskop technologischer Realitäten:
- Verteidigung als Wachstumstreiber: Ondas und Rocket Lab profitieren massiv von steigenden Verteidigungsbudgets und der Verzahnung von KI mit autonomen Waffensystemen. Beide Unternehmen sind keine klassischen Rüstungskonzerne, sondern Dual-Use-Technologiefirmen mit kommerziellem und militärischem Standbein.
- Enterprise-KI im Wettlauf: SAP setzt darauf, dass Geschäftsdaten der entscheidende Vorteil gegenüber ServiceNow, Salesforce und Microsoft sind. Der Erfolg der Autonomous Suite wird sich an Produktivitätsgewinnen bei Kunden messen lassen müssen.
- Krypto-Brücke unter Druck: DeFi Technologies liefert Gewinne in einem Markt, der nicht zuhört. Ohne spürbare Krypto-Erholung bleibt die Bewertung am Boden.
- Konsolidierung durch Übernahme: Northern Datas GPU-Infrastruktur geht in US-amerikanische Hände — ein Signal, dass europäische KI-Assets international begehrt sind, ihre Eigenständigkeit aber nicht immer überleben.
Für die kommenden Wochen richtet sich der Blick auf SAPs erste Produktivzahlen zur Autonomous Suite, Ondas‘ Integrationsfähigkeit nach dem Omnisys-Deal und Rocket Labs Neutron-Fortschritte. Bei Northern Data tickt die Uhr bis zum 1. Juni. Und DeFi Technologies braucht vor allem eines: einen Kryptomarkt, der wieder mitzieht.
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