Manchmal zeigt sich der Charakter eines Unternehmens nicht in den großen Verträgen, sondern in dem, was es an einem einzigen Wochenende alles gleichzeitig stemmt.
Rocket Lab hat am Mittwoch seine 94. Electron-Mission ins All geschickt, den Synspective-Satelliten StriX erfolgreich ausgesetzt – und praktisch im selben Atemzug einen Rückschlag kassiert, der zeigt, wie hart der Wettbewerb um die nächste Generation von Weltraumaufträgen inzwischen geführt wird. Genau in diesem Spannungsfeld zwischen operativer Verlässlichkeit und verlorenen Großaufträgen bewegt sich die Aktie derzeit.
Der Electron-Start markiert bereits den 15. Flug der Trägerrakete in diesem Jahr und wahrt die makellose Erfolgsbilanz bei Synspective-Nutzlasten. Das japanische Erdbeobachtungsunternehmen hat inzwischen 16 weitere Starts bis 2030 gebucht – eine Zahl, die Rocket Lab eine seltene Sichtbarkeit auf künftige Launcherlöse verschafft, in einer Branche, in der Auftragsbücher sonst oft nur wenige Quartale reichen.
Nur Stunden später folgte die nächste Mission unter dem Namen „Owl Around The World“ vom neuseeländischen Launch Complex 1, die eine Nutzlast in eine niedrige Erdumlaufbahn von 575 Kilometern brachte. Zwei Starts binnen kurzer Zeit – das ist für ein Unternehmen dieser Größe kein Selbstläufer, sondern ein Beleg für eine eingespielte Startkadenz.
Der Wermutstropfen: Mars-Auftrag geht an Blue Origin
Doch die Erzählung vom reibungslosen Wachstum bekommt einen Riss. Die NASA hat einen Mars-Kommunikationsauftrag im Volumen von rund 700 Millionen Dollar nicht an Rocket Lab, sondern an Blue Origin vergeben.
Für ein Unternehmen, das sich zunehmend auch als Anbieter für anspruchsvollere, tiefraumfähige Missionen positionieren will, ist das mehr als eine Randnotiz. Es ist ein Signal, dass die Konkurrenz um die lukrativsten Regierungsverträge härter wird, gerade weil immer mehr Player mit eigenen Trägerraketen und Raumfahrzeugen antreten.
Wer im New-Space-Sektor mitspielen will, muss nicht nur zuverlässig starten, sondern auch bei den großen, margenstarken Ausschreibungen bestehen – und dort zählt eben nicht nur die Flughistorie.
Diese Gemengelage erklärt auch, warum sich die Analystenmeinungen zuletzt auseinanderbewegt haben. Bank of America senkte am 1. September ihr Kursziel für Rocket Lab von 115 auf 110 Dollar, beließ die Einstufung aber bei Kaufen – die Anpassung erfolgte an einem Tag, an dem die Aktie bereits unter Druck stand.
Nur einen Tag später nahm Berenberg die Coverage neu auf, mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 83 Dollar. Zwei Häuser, zwei sehr unterschiedliche Zielmarken – ein Hinweis darauf, wie unterschiedlich der Markt die Balance aus Wachstumsversprechen und operativem Risiko derzeit gewichtet.
Institutionelles Interesse trotz Volatilität
Parallel zu den Analystenbewegungen meldete die Manufacturers Life Insurance Company eine Neuinvestition in Rocket Lab – ein Baustein, der zeigt, dass institutionelles Kapital trotz der schwankungsreichen Kursentwicklung weiterhin Position bezieht.
Diese Zuversicht steht im Kontrast zur jüngsten Marktbewegung: Der Kurs schloss am Freitag bei 55,50 Euro, ein Plus von 1,1 Prozent auf Tagesbasis, liegt aber rund 59 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 133,80 Euro. Die Volatilität von 66 Prozent auf Jahresbasis unterstreicht, wie nervös der Handel mit dieser Aktie momentan verläuft.
Am Ende bleibt eine Frage, die weder Electron-Starts noch verlorene Marsverträge allein beantworten: Kann Rocket Lab den Sprung von der verlässlichen Kleinsatelliten-Rakete zum ernstzunehmenden Konkurrenten bei den ganz großen Missionen schaffen? Die Antwort hängt maßgeblich davon ab, wie das Unternehmen den nächsten Schritt seiner Entwicklung meistert – den ersten Start der neuen Neutron-Rakete.
Medienberichten zufolge richtet sich die Aufmerksamkeit vieler Investoren derzeit genau darauf, ob dieser Start noch bis zum Jahresende gelingt. Bis dahin bleibt Rocket Lab ein Unternehmen im Spagat: operativ auf Kurs, strategisch noch im Beweisverfahren.
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