Rocket Lab beweist gerade, dass der Konzern auch ohne die Rakete Neutron gewinnen kann. Während der Markt sich weiter auf die Verzögerungen des wiederverwendbaren Trägers versteift, hat das Unternehmen in den vergangenen zwei Wochen Verträge, Übernahmen und Infrastrukturprojekte aufgehäuft. Das spricht für eine breitere Wachstumsstory, die nicht mehr an einer einzigen Rakete hängt.
Eine Welle von Ankündigungen abseits von Neutron
Innerhalb weniger Tage stellte Rocket Lab GHOST vor, ein containerbasiertes Startsystem, das weltweit einsetzbar ist und suborbitale sowie orbitale Starts von praktisch jedem Ort aus ermöglichen soll. Erster Standort wird der Pacific Spaceport Complex im alaskischen Kodiak.
Parallel dazu gründete der Konzern offiziell Rocket Lab Germany GmbH. Ziel ist der Ausbau von Satelliten- und Komponentenfertigung in Deutschland, um Europa souveräne Weltraumkapazitäten zu bieten. Die Gesellschaft baut auf der früheren Mynaric-Übernahme in München auf.
Auf der Verteidigungsseite war der Lärm mindestens genauso groß. Die US Space Force vergab einen Auftrag über 397 Millionen Dollar im Rahmen des Space-Based Airborne Moving Target Indicator-Programms. Das kam nur wenige Tage, nachdem Rocket Lab mit einem Mehrfachstart-Vertrag über 266 Millionen Dollar seinen bislang größten Launch-Auftrag eingesammelt hatte. Genau diese Art wiederkehrender, staatlich finanzierter Umsatzquellen sollte Anleger beruhigen, die wegen der noch unbewiesenen Neutron-Rakete nervös sind.
Der Schatten von Neutron bleibt
Die bullische Erzählung hat allerdings einen echten Riss. Beim Earnings Call zum zweiten Quartal 2026 signalisierte das Management neues Risiko für das Flaggschiff-Programm. Die Aktie fiel, nachdem eine mögliche weitere Verzögerung bei Neutron durchsickerte — der erste Flug könnte sich bis 2027 verschieben. Die Lieferung zur Startrampe im vierten Quartal soll zwar wie geplant erfolgen, ein Erstflug 2026 wurde aber nicht mehr bestätigt.
Neu ist das Muster nicht. Neutron verschiebt sich bereits seit 2024 immer wieder. Dass das Management nach dem Tank-Ausfall im Januar jetzt aber nicht einmal mehr einen Flug 2026 zusagt, ist ein berechtigter Grund zur Vorsicht — nicht zur Abwertung der gesamten Story, aber zur Vorsicht.
Das wiegt schwer, weil Neutron die Rakete ist, mit der Rocket Lab direkt gegen SpaceX‘ Falcon 9 im mittleren Nutzlastsegment antreten will. Jede weitere Verzögerung schiebt den Zeitpunkt nach hinten, an dem der Konzern ein Manifest monetarisieren kann, das bereits mehrere fest gebuchte Missionen über Jahre hinweg umfasst.
Was der Kurs sagt
Die Kursentwicklung spiegelt diese Spannung gut wider. Am Mittwoch schloss die Aktie bei 70,40 Euro, ein Plus von 1,3 Prozent auf Tagessicht und 6,8 Prozent auf Wochensicht — eine Erholung, die zeitlich exakt mit der Ankündigungswelle von Anfang August zusammenfällt. Zoomt man heraus, wird das Bild komplizierter: Der Titel notiert 47 Prozent unter seinem Jahreshoch von 133,80 Euro vom 27. Mai, liegt aber gleichzeitig 91 Prozent über dem Stand vor zwölf Monaten.
Das technische Bild wirkt derzeit neutral. Mit einem RSI von 54,2 liegt die Aktie fast exakt in der Mitte zwischen überkauft und überverkauft — weder Euphorie noch Panik ist im Chart eingepreist.
Mein Fazit: Geduld statt Panik
Das durchschnittliche Kursziel der Analysten liegt bei 96,41 Euro — knapp 37 Prozent über dem aktuellen Niveau. Diese Lücke ist aus meiner Sicht glaubwürdig: Rocket Lab ist längst keine Ein-Produkt-Story mehr, und das Auftragswachstum aus Verteidigung und Satellitenkonstellationen liefert ein Polster, das es vor einem Jahr noch nicht gab.
Die annualisierte 30-Tage-Volatilität von 85 Prozent erinnert allerdings unmissverständlich daran, dass dies eine sentimentgetriebene Hochbeta-Aktie bleibt, bei der Schlagzeilen den Kurs in beide Richtungen heftig bewegen. Wer heute auf Rocket Lab setzt, wettet im Kern darauf, dass das wachsende Portfolio an Regierungs- und Kommerzverträgen den Reputations- und Finanzschaden einer weiteren Neutron-Verzögerung überholen kann. Angesichts von Tempo und Umfang der Vertragsgewinne dieses Monats erscheint mir diese Wette zunehmend vernünftig — risikofrei ist sie deshalb aber noch lange nicht. Dass die Aktie ihr Mai-Hoch bislang nicht zurückerobert hat, zeigt: Der Markt hat diese These noch nicht vollständig gekauft.
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