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Rheinmetall vor der Zerreißprobe: Reifeprobleme treffen auf Rekordmarge

Rheinmetall weist Vorwürfe des Beschaffungsamtes zurück, während Quartalszahlen Rekordwachstum zeigen. Analysten uneins über Ausführungsrisiken.

Die wichtigsten Punkte im Überblick

  • Bundeswehr kritisiert Projektfortschritt
  • Rekordumsatz im zweiten Quartal
  • Analysten sehen Kurspotenzial
  • Aktie deutlich unter Jahreshoch

Ausgangslage

Rheinmetall steckt in einem Spannungsfeld, das sich in dieser Woche zugespitzt hat. Medienberichten zufolge kritisiert das Beschaffungsamt der Bundeswehr (BAAINBw) in internen Dokumenten die mangelnde Reife der Schlüsselprojekte „Skyranger“ und „Schwerer Waffenträger Infanterie“ sowie neue Lieferverzögerungen bei der „Zeitenwende“-Beschaffung.

Der Konzern weist die Vorwürfe zurück. Zugleich hatte Rheinmetall erst am 6. August für das zweite Quartal 2026 einen Umsatzsprung von rund 70 Prozent und ein operatives Ergebnis auf Rekordniveau gemeldet.

Die Aktie notiert nach dem jüngsten Schlusskurs von 1.156,40 Euro rund 42 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 2.007,00 Euro, das im Oktober erreicht wurde. Für Anleger stellt sich damit die Frage, ob die operative Stärke die wachsenden Zweifel an der Ausführungsqualität noch aufwiegen kann.

Die entscheidende Frage

Der Kern der Debatte ist nicht die Auftragslage – die bleibt mit einem Bestand von 80,5 Milliarden Euro gewaltig. Entscheidend ist, wie schnell und zuverlässig Rheinmetall diesen Berg in tatsächlich ausgelieferte Systeme und damit in Umsatz umsetzt.

Genau hier setzen die aktuellen Kritikpunkte des Beschaffungsamtes an: Wenn Schlüsselprojekte wie Skyranger nicht die geforderte Reife erreichen, verzögert sich die Umsatzrealisierung weiter – und die Lücke zwischen Auftragsbestand und tatsächlich abgerechneten Leistungen wächst. mwb research warnte bereits am 19. August unter Bestätigung seiner „Sell“-Einstufung vor einer „gewaltigen Auftragslücke“ ab 2028, sollte die Ausführungsgeschwindigkeit nicht mit dem Orderbuch mithalten.

Die Frage, die den Kurs in den kommenden Monaten treiben dürfte, lautet also: Löst Rheinmetall die operativen Reifeprobleme, bevor sie sich in handfesten Umsatzausfällen niederschlagen?

Bullisches Szenario

Für die Bullen spricht zunächst die reine Größenordnung der Nachfrage. Der Umsatzsprung von rund 70 Prozent im zweiten Quartal 2026 und das operative Rekordergebnis zeigen, dass der Konzern trotz aller Kritik in der Lage ist, Aufträge in Wachstum zu übersetzen.

Neue Bestellungen wie die jüngste über mobile Rettungsstationen im Volumen von mehr als 500 Millionen Euro belegen zudem, dass die Bundeswehr trotz Kritik an einzelnen Projekten weiter auf Rheinmetall setzt.

Auch technologisch bleibt der Konzern sichtbar aktiv: Die erfolgreiche Integration des Passivradars Twinvis von Hensoldt in das Führungssystem Skymaster während der Übung „Timber Express 2026“ unterstreicht, dass Rheinmetall an vernetzten Verteidigungssystemen mitwirkt.

RBC Capital Markets startete am 11. August die Coverage mit einer Kaufempfehlung und einem Kursziel von 1.600 Euro – ein deutliches Signal, dass Teile der Analystenschaft trotz der Lieferprobleme erhebliches Kurspotenzial sehen. Sollte Rheinmetall die Qualitätsvorwürfe entkräften und die Auslieferungen beschleunigen, könnte die Aktie von ihrem aktuellen Niveau, das rund 28 Prozent über dem 52-Wochen-Tief von 902,50 Euro liegt, wieder Richtung altem Hoch drehen.

Bärisches Szenario

Die Risikoseite ist ebenso ernst zu nehmen. Die Kritik des Beschaffungsamtes ist kein isolierter Vorfall, sondern reiht sich in ein Muster wiederkehrender Verzögerungen bei zentralen Projekten ein.

Bleibt die Reife der Systeme hinter den Anforderungen zurück, drohen weitere Vertragsstrafen, Nachverhandlungen oder im schlimmsten Fall Auftragsverluste – ein Szenario, wie es sich bereits im Juni mit dem Verlust des Fregattenauftrags F-126 angedeutet hatte, als die DZ Bank ihren fairen Wert von 2.188 auf 1.705 Euro senkte.

Kommt die von mwb research skizzierte Auftragslücke ab 2028 tatsächlich, würde das die aktuell hohe Bewertung der Aktie infrage stellen, da der Markt derzeit stark auf die Übersetzung des Auftragsbestands in künftige Umsätze setzt.

Zusätzlich belastet die Sicherheitslage: Vorstandschef Papperger steht laut Berichten unter verstärktem Personenschutz, nachdem Sicherheitsbehörden Hinweise auf mögliche russische Sabotage- oder Anschlagspläne gegen die Konzernleitung erhalten haben. Das ist zunächst kein operatives, aber ein geopolitisches Risiko, das die ohnehin hohe Volatilität der Aktie von 32 Prozent auf Jahressicht befeuern könnte.

Ausblick

Solange Rheinmetall weiterhin Rekordumsätze und -margen liefert und neue Aufträge wie die jüngste Bestellung der Rettungsstationen hereinholt, dürfte die fundamentale Wachstumsstory intakt bleiben – auch wenn der Kurs mit einem Minus von 26 Prozent seit Jahresbeginn bereits einen erheblichen Vertrauensverlust eingepreist hat.

Kippt jedoch die Wahrnehmung der Ausführungsqualität, etwa durch weitere bestätigte Verzögerungen bei Skyranger oder dem Schweren Waffenträger Infanterie, dürfte die von mwb research thematisierte Auftragslücke stärker in den Fokus rücken und den Abwärtsdruck verstärken.

Der nächste konkrete Prüfstein dürfte die weitere Kommunikation des Konzerns zu den vom Beschaffungsamt kritisierten Projekten sein, gepaart mit den kommenden Quartalszahlen, die zeigen müssen, ob sich das hohe Auftragswachstum auch in den Auslieferungszahlen niederschlägt. Bis dahin bleibt die Aktie ein Fall für Anleger, die bereit sind, die Diskrepanz zwischen Auftragsboom und Ausführungsrisiko auszuhalten.

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Diskussion zu Rheinmetall

Felix Baarz

Felix Baarz ist Wirtschaftsjournalist mit mehr als 15 Jahren Erfahrung in der Berichterstattung über internationale Finanzmärkte. Als gebürtiger Kölner begann er seine Laufbahn bei einer deutschen Fachpublikation, bevor er für sechs Jahre nach New York zog.

In New York berichtete er direkt aus dem Zentrum der globalen Finanzwelt über Entwicklungen an der Wall Street und wirtschaftspolitische Entscheidungen von internationaler Tragweite. Diese Zeit prägte seine analytische Herangehensweise an komplexe Wirtschaftsthemen.

Heute arbeitet Baarz als freier Journalist für führende deutschsprachige Wirtschafts- und Finanzmedien. Seine Schwerpunkte liegen auf der fundierten Analyse globaler Finanzmärkte und der verständlichen Aufbereitung wirtschaftspolitischer Zusammenhänge. Neben seiner schriftlichen Arbeit moderiert er Fachdiskussionen und nimmt an Expertenrunden teil.

Sein journalistischer Ansatz kombiniert tiefgreifende Recherche mit präziser Analyse, um Lesern Orientierung in einer sich wandelnden Wirtschaftswelt zu bieten.