Ausgangslage
Rheinmetall steckt in einer Konsolidierungsphase, die nicht zufällig kommt. Nach der Rekordzahlenwoche Anfang August, in der das Unternehmen das beste Quartal seiner Firmengeschichte auswies und dennoch die Jahresprognose um 300 Millionen Euro kappte, sucht die Aktie einen neuen Gleichgewichtspunkt.
Die Gemengelage aus Rüstungseuphorie, einem verlorenen Großauftrag und frischer Analystenkritik lässt Anleger derzeit zwischen zwei Lesarten pendeln: Ist der Kursrückgang eine gesunde Verschnaufpause nach Monaten des Höhenflugs – oder der Beginn einer fundamentalen Neubewertung, weil sich Wachstumstempo und Profitabilität auseinanderentwickeln?
Der Auslöser der jüngsten Nervosität liegt bereits einige Wochen zurück, wirkt aber nach. Die Bundesregierung hatte Ende Juni das milliardenschwere F126-Fregattenprogramm gestoppt und stattdessen dem Rivalen ThyssenKrupp Marine Systems zugeschlagen – für Rheinmetall bedeutet das rund zwei Milliarden Euro an abzuschreibenden Investitionen und den Kern der jetzt gesenkten Guidance.
Die Aktie notiert am Freitag bei 1.152,40 Euro und damit 43 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch von 2.007 Euro, das sie noch Anfang Oktober erreicht hatte.
Die entscheidende Frage
Für Anleger reduziert sich die Debatte auf eine einzige Kennzahl: die Investitionsquote. mwb research monierte am 8. August, dass Rheinmetall diese binnen kurzer Zeit halbiert und gleichzeitig das Backlog-Ziel gesenkt habe – ein Kombination, die aus Sicht des Analysehauses das Chance-Risiko-Verhältnis kippen lässt.
Wer investiert weniger in künftige Kapazität, während der Auftragsbestand langsamer wächst als erhofft, riskiert genau jenes Szenario, vor dem Skeptiker seit Monaten warnen: Wachstum, das sich nicht mehr aus eigener Kraft beschleunigt, sondern von einzelnen Großprogrammen abhängt, die – wie F126 gezeigt hat – politisch auch wegbrechen können.
Bullisches Szenario
Für die Optimisten spricht die operative Substanz. Im zweiten Quartal wuchs der Umsatz um rund 70 Prozent auf 3,289 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte um 115 Prozent auf 562 Millionen Euro zu, die Marge kletterte auf 17,1 Prozent. Goldman Sachs bestätigte am 6. August ein Kursziel von 2.300 Euro mit Kaufempfehlung – rechnerisch mehr als eine Verdopplung vom damaligen Niveau.
Untermauert wird dieses Bild durch operative Fortschritte abseits der Schlagzeilenzahlen: Rheinmetall Air Defence demonstrierte zusammen mit Hensoldt bei der Luftwaffenübung Timber Express Mitte August einen technologischen Meilenstein bei vernetzter Luftverteidigung, und das Unternehmen verbucht weiterhin planmäßig Aufträge aus dem Bundeswehr-Umfeld.
Sollte sich die Investitionsquote in den kommenden Quartalen stabilisieren, ohne dass weitere Großprogramme wegbrechen, hätte die Aktie auf dem aktuellen Niveau viel Pessimismus bereits eingepreist.
Bärisches Szenario
Die Gegenseite verweist auf den negativen Free Cashflow, der neben der Guidance-Kürzung als Hauptgrund für den zeitweisen Kurseinbruch von rund 8,5 Prozent am Tag der Quartalszahlen genannt wurde. Wenn ein Unternehmen mit derart hohem Auftragsbestand operativ Cash verbrennt, wächst das Risiko, dass Kapitalmarktvertrauen schneller schwindet als der Auftragsberg abgearbeitet wird.
Die Herabstufung von mwb research auf „Sell“ mit gesenktem Kursziel von 1.150 auf 1.050 Euro markiert diesen Zweifel explizit. Hinzu kommt die politische Komponente: Der F126-Verlust zeigt, dass selbst scheinbar gesicherte Milliardenprogramme kurzfristig kippen können, wenn sich Beschaffungsprioritäten in Berlin verschieben.
Der Kurs notiert derzeit 19 Prozent unter seinem 200-Tage-Durchschnitt – ein Zeichen, dass der mittelfristige Trend angeschlagen ist, auch wenn sich die Aktie kurzfristig mit 5,5 Prozent Abstand über dem 50-Tage-Durchschnitt stabilisiert zeigt.
Ausblick
Solange die operative Marge im zweistufigen Bereich bleibt und keine weiteren Großaufträge storniert werden, dürfte die aktuelle Konsolidierung eher eine Verdauungsphase nach der Kursrallye der vergangenen Jahre sein als der Beginn eines fundamentalen Bruchs.
Kippt jedoch die Investitionsquote weiter ab oder bleibt der Cashflow dauerhaft negativ, dürfte sich die skeptische Lesart von mwb research bestätigen und Kursziel-Anpassungen nach unten nach sich ziehen.
Ein konkreter Prüfstein steht bereits fest: Am 9. Dezember behandelt der Bundestag das sogenannte Arminius-Vorhaben rund um den Boxer-Auftrag. Dessen Ausgang dürfte zeigen, ob Rheinmetall politisches Vertrauen in neue Großprogramme zurückgewinnt – oder ob der F126-Rückschlag ein Einzelfall bleibt.
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