Ausgangslage: Kritik aus dem Verteidigungsministerium trifft eine ohnehin nervöse Aktie
Interne Papiere der Bundeswehr und des Beschaffungsamts BAAINBw zeichnen ein kritisches Bild von zwei zentralen Rheinmetall-Programmen. Beim Flugabwehrsystem Skyranger 30 soll sich die Auslieferung von Mitte 2026 auf Mitte 2027 verschieben – ein Verzug von bis zu einem Jahr laut den Papieren, während Rheinmetall selbst von fünf Monaten spricht und eine Auslieferung 2027/2028 nennt.
Beim Radpanzer „Schwerer Waffenträger Infanterie“, einem Auftrag über 123 Fahrzeuge und 2,7 Milliarden Euro, wird laut einem Aktenvermerk ein Verzug von mindestens elf Monaten vermerkt; Rheinmetall bestätigt das nicht und verweist auf das erste Serienfahrzeug 2025 sowie 24 weitere bis Ende 2026.
Die Aktie reagierte am heutigen Freitag mit einem moderaten Rückgang und notiert zuletzt bei 1.156,60 Euro. Dass die Kritik ausgerechnet jetzt Gewicht bekommt, liegt am Timing: Nach dem massiven Kursverfall seit dem Rekordhoch im Oktober wirkt jede neue Unsicherheit über Liefertermine wie ein Test der Anlegergeduld. Die Aktie hat sich zwar in den vergangenen 30 Tagen um 14 Prozent erholt, bleibt seit Jahresbeginn aber tief im Minus.
Die entscheidende Frage: Bleibt die operative Lieferfähigkeit intakt?
Für Anleger reduziert sich die Lage auf eine Kernfrage: Handelt es sich bei den Verzögerungen um punktuelle Reibungsverluste eines stark wachsenden Rüstungskonzerns oder um ein strukturelles Problem der industriellen Kapazitäten?
Die Differenz zwischen den Angaben der Bundeswehr und denen von Rheinmetall selbst – Monate versus fast ein Jahr – ist dabei keine Randnotiz, sondern der eigentliche Streitpunkt. Solange diese Diskrepanz ungeklärt bleibt, bewegt sich die Bewertung der Aktie in einem Unsicherheitskorridor, den weder Bullen noch Bären eindeutig für sich entscheiden können.
Bullisches Szenario: Wachstum überstrahlt Lieferprobleme
Die Geschäftszahlen sprechen bislang eine robuste Sprache. Im zweiten Quartal 2026 stieg der Umsatz um 35,35 Prozent auf 3,29 Milliarden Euro, wenn auch der Gewinn je Aktie mit 2,66 Euro unter dem Vorjahreswert von 2,90 Euro lag.
Die Konsensschätzung für das Gesamtjahr 2026 liegt bei einem Ergebnis je Aktie von 37,38 Euro, die Dividende soll von 11,50 auf 14,93 Euro steigen. Von den beobachtenden Analysten sprechen zwölf von vierzehn eine Kaufempfehlung aus, das mittlere Kursziel liegt bei 1.678,46 Euro – deutlich über dem aktuellen Niveau.
Zusätzlichen Rückenwind liefert die Auftragspipeline abseits der kritisierten Programme. Rheinmetall-Chef Papperger deutete einen möglichen weiteren Großauftrag über rund 5 Milliarden Euro für geschätzt 200 zusätzliche Puma-Schützenpanzer an – nach bereits 50 bestellten Fahrzeugen 2023 und 200 Ende 2025. Zudem soll ein nicht bindendes Übernahmeangebot für German Naval Yards Kiel vorliegen, das den Einstieg in den Marineschiffbau vertiefen würde. Bleibt die Nachfrage aus NATO-Staaten hoch, könnten diese Wachstumsimpulse die aktuellen Lieferverzögerungen in den Hintergrund drängen.
Bärisches Szenario: Vertrauensverlust bei Schlüsselkunden
Das Risiko liegt nicht allein in den Terminverschiebungen selbst, sondern in der Reputation als verlässlicher Lieferant für die eigene Regierung. Wenn das Verteidigungsministerium öffentlich wird mit Kritik an Kernprogrammen wie Skyranger 30 und dem Schweren Waffenträger Infanterie, drohen strengere Vertragskonditionen oder Verzögerungen bei Folgeaufträgen – etwa beim angedeuteten Puma-Los.
Die Aktie notiert bereits 42 Prozent unter ihrem 52-Wochen-Hoch vom Oktober und rund 19 Prozent unter ihrem 200-Tage-Durchschnitt, was zeigt, dass der Markt strukturelle Zweifel bereits eingepreist hat.
Sollte sich der Verzug bei den kritisierten Programmen als tatsächlich näher am Jahres- als am Fünfmonats-Szenario erweisen, könnte das die Glaubwürdigkeit der Unternehmenskommunikation insgesamt belasten – mit Folgen für die Bewertung künftiger Auftragszusagen.
Ausblick: Zwei Pfade, ein Prüfstein
Solange Rheinmetall die Wachstumsdynamik aus Umsatz und Auftragseingang aufrechterhält und die Differenz zur Bundeswehr-Kritik als Definitionsfrage – nicht als Vertrauensbruch – einordnen kann, bleibt das bullische Szenario mit Kurszielen deutlich über 1.600 Euro intakt.
Kippt jedoch die Wahrnehmung, dass Rheinmetall selbst bei Schlüsselprojekten für die eigene Bundeswehr keine verlässlichen Termine liefert, dürfte sich der Bewertungsabschlag gegenüber dem 200-Tage-Durchschnitt verfestigen statt aufzuholen.
Ein konkreter nächster Prüfstein ist die von Papperger angedeutete Entscheidung über das weitere Puma-Los – bestätigt sie sich, wäre das ein Signal, dass das Vertrauen der Bundeswehr trotz der aktuellen Kritik an anderer Stelle ungebrochen ist.
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