Manchmal klafft eine Lücke zwischen dem, was ein Unternehmen operativ liefert, und dem, was die Börse davon hält. Bei Rheinmetall ist diese Lücke gerade besonders auffällig. Während die US-Tochter American Rheinmetall in dieser Woche einen handfesten industriepolitischen Erfolg meldet, dümpelt die Aktie in der Nähe ihres Jahrestiefs.
Am Mittwoch übergab American Rheinmetall den ersten von acht Lynx-XM30-Prototypen an die US-Armee. Der Fahrzeugtyp soll perspektivisch den betagten Schützenpanzer Bradley ersetzen – eines der größten Landfahrzeug-Beschaffungsprogramme der US-Streitkräfte. CEO Matt Warnick bezeichnete die Übergabe als wichtigen Schritt.
Der zugrundeliegende Phase-3/4-EMD-Vertrag hat ein Volumen von rund 764 Millionen US-Dollar, die restlichen sieben Prototypen sollen im Laufe des nächsten Jahres folgen. Auch General Dynamics Land Systems lieferte parallel ein eigenes Konzeptfahrzeug aus – das Rennen um die Bradley-Nachfolge bleibt also ein Duell zweier Anbieter, nicht ein Selbstläufer für Rheinmetall.
Der Lynx XM30 kommt mit hybrid-elektrischem Antriebsstrang und modularer, offener Architektur – Schlagworte, die zeigen, wohin sich gepanzerte Landsysteme entwickeln: weg vom reinen Stahlkoloss, hin zur vernetzten, elektrifizierten Plattform.
Ergänzend hat Rheinmetalls Aufklärungsdrohne LUNA NG von der Bundeswehr eine vorläufige Lufttüchtigkeitsbescheinigung erhalten, nach rund 150 Flügen und 200 Flugstunden, unter der Bundeswehr-Bezeichnung HUSAR. Zwei Programme, zwei Kontinente, ein gemeinsamer Nenner: Rheinmetall positioniert sich als Anbieter, der sowohl bei klassischen Landsystemen als auch bei unbemannten Systemen mitspielt.
Ein Sektor im Umbruch – und Deutschland mittendrin
Diese Nachrichten fallen nicht in ein Vakuum. Der Rüstungssektor bewegt sich gerade auf mehreren Ebenen gleichzeitig: Die USA treiben mit dem Sentinel-ICBM-Programm ihre nukleare Modernisierung voran, Northrop Grumman meldet Rekordtempo bei der F-35-Fertigung, und Hanwha Aerospace baut seine Artillerieproduktion in den USA aus. Der Wettbewerb um westliche Rüstungsaufträge wird internationaler und dichter.
Auch in Deutschland bleibt das Thema kritische Infrastruktur und Sicherheit hochaktuell. Der nordrhein-westfälische Innenminister Herbert Reul forderte am Dienstag eine Debatte über die Rechte von Betreibern kritischer Infrastruktur, nachdem es zu mutmaßlicher Sabotage an Stromversorgungsanlagen in NRW und Südbrandenburg gekommen war.
Konkurrent KNDS wiederum treibt seinen ursprünglich für Juli geplanten, dann verschobenen Börsengang weiter voran – Deutschlandchef Florian Hohenwarter warnte laut Süddeutscher Zeitung zugleich vor hybriden Bedrohungen gegen die Rüstungsindustrie selbst. Die Branche wächst, aber sie wächst in einem Umfeld wachsender Verwundbarkeit.
Warum der Kurs trotzdem nicht mitzieht
Und hier liegt die eigentliche Spannung dieser Kolumne: Operative Fortschritte wie die XM30-Übergabe oder die LUNA-NG-Zulassung ändern kurzfristig wenig an der Kursrealität.
Die Rheinmetall-Aktie schloss am Mittwoch bei 1.091,20 Euro, nach einem Plus von 1,4 Prozent am Vortag – doch das Papier notiert damit weiterhin rund 46 Prozent unter seinem 52-Wochen-Hoch von 2.007,00 Euro, das erst Anfang Oktober erreicht wurde. Seit Jahresbeginn steht ein Minus von 30 Prozent zu Buche.
Diese Diskrepanz wirft eine Frage auf, die sich viele Anleger derzeit stellen: Hat der Markt die Wachstumsstory der Rüstungskonjunktur bereits vorab eingepreist und korrigiert nun die Erwartungen nach unten, oder handelt es sich um eine vorübergehende Verschnaufpause nach einem außergewöhnlichen Kurslauf der vergangenen Jahre?
Die operative Nachrichtenlage – Prototyp-Auslieferungen, Zulassungen, internationale Marinebauaufträge wie das jüngst aus Kiel nach Israel überführte U-Boot der Schwesterfirma TKMS – liefert derzeit jedenfalls keine Hinweise auf eine nachlassende Auftragsdynamik. Ob das reicht, um die Kurskorrektur zu drehen, bleibt eine Frage der Bewertung, nicht der Substanz.
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