Während die Rheinmetall-Aktie im laufenden Jahr deutlich unter Druck steht, treibt der Konzern sein Wachstumsprogramm unbeirrt voran. Am Freitag schloss das Papier bei 1.032,60 Euro, ein Plus von 1,29 Prozent auf Tagessicht und der vorläufige Höhepunkt einer Erholung, die den Kurs binnen sieben Handelstagen um 5,34 Prozent nach oben trug. Seit Jahresbeginn bleibt aber ein Minus von 33,49 Prozent stehen – ein Kontrast, der zeigt, wie stark die operative Nachrichtenlage und die Kursentwicklung derzeit auseinanderfallen.
Neue Pulverfabrik in Aschau am Inn
Am Donnerstag legte Rheinmetall den Grundstein für die neue Pulverfabrik „Firepower“ am Standort Aschau am Inn. Das Investitionsvolumen liegt bei rund 500 Millionen Euro. Ziel ist es, die Fertigungskapazität bis 2028 auf über eine Million Treibladungsmodule pro Jahr zu steigern. Damit reagiert der Konzern auf die anhaltend hohe Nachfrage nach Artilleriemunition, die europäische Streitkräfte und die Ukraine gleichermaßen betrifft. Erst am 14. Juli hatte Rheinmetall aus dem Werk Unterlüß in Niedersachsen erstmals 155-mm-Artilleriegeschosse in einer niedrigen fünfstelligen Stückzahl an die Ukraine ausgeliefert – ein Beleg dafür, dass die bestehenden Kapazitäten bereits jetzt ausgelastet sind.
Auftragsflut aus mehreren Kontinenten
Die vergangenen Wochen brachten für Rheinmetall eine ganze Reihe neuer Geschäfte. Innerhalb des „Omnia-Training“-Konsortiums mit Raytheon UK sicherte sich der Konzern einen Auftragsanteil von knapp einer Milliarde Euro zur Digitalisierung der Gefechtsausbildung der britischen Armee, die Projektlaufzeit beträgt 15 Jahre. Mit dem norwegischen Unternehmen Space Norway unterzeichnete Rheinmetall zudem eine Absichtserklärung zur maritimen Weltraumüberwachung in der Arktis, umgesetzt über das gemeinsame Joint Venture Rheinmetall ICEYE Space Solutions. Parallel dazu übernahm der Konzern im Auftrag des Bundesamtes für Ausrüstung, Informationstechnik und Nutzung der Bundeswehr die Gesamtverantwortung für das autonome Konvoi-Forschungsprojekt „InterRoC VII“. Bereits Anfang Juli hatte ein neuer internationaler Kunde vier Skynex-Flugabwehrsysteme samt Trägerfahrzeugen und Munition im Wert von mehreren hundert Millionen Euro bestellt, und mit Lockheed Martin vereinbarte Rheinmetall den Aufbau eines Excellence-Zentrums für die Co-Produktion von ATACMS-Lenkwaffen in Deutschland.
Analysten zwischen Wachstumsstory und Kursziel-Korrektur
Nicht jede Reaktion auf diese Dynamik fiel positiv aus. Am Montag senkte Bank-of-America-Analyst Benjamin Heelan sein Kursziel für Rheinmetall von 1.770 auf 1.300 Euro. Die Einstufung „Buy“ behielt er bei, begründete den Schritt aber mit technologischen Verschiebungen hin zu Drohnen und Präzisionswaffen, die die klassische Munitions- und Fahrzeugsparte perspektivisch unter Druck setzen könnten. Die Kursbewegung der vergangenen Handelstage deutet darauf hin, dass der Markt diese Neubewertung inzwischen zumindest teilweise verarbeitet hat, auch wenn der Abstand zum 50-Tage-Durchschnitt von 1.117,09 Euro mit 7,56 Prozent im negativen Bereich weiterhin Vorsicht signalisiert.
Rückschlag bei Fregattenprogramm belastet Ausblick
Getrübt wird das Bild durch die Stornierung des F126-Fregattenprogramms, deren Auswirkungen Rheinmetall Anfang Juli in einer Ad-hoc-Mitteilung einordnete. Für das Geschäftsjahr 2026 rechnet der Konzern dadurch mit einem potenziellen Umsatzverlust von bis zu 300 Millionen Euro. Dieser Betrag relativiert sich zwar angesichts der milliardenschweren Neuaufträge der vergangenen Wochen, zeigt aber, dass auch ein Rüstungskonzern mit voller Auftragsbücher nicht vor Programmrisiken gefeit ist. Wie stark sich Auftragsschwemme und Programmverluste gegenseitig ausgleichen, dürfte der Bericht zum zweiten Quartal am 6. August zeigen. Der Konsens erwartet für dieses Quartal ein Ergebnis je Aktie von 1,39 US-Dollar bei einem Umsatz von rund 3,57 Milliarden US-Dollar. Bis dahin bleibt die Aktie mit einer annualisierten 30-Tage-Volatilität von 67,40 Prozent ein Papier für risikobereite Anleger, die die Diskrepanz zwischen operativer Dynamik und Kursverlauf im Blick behalten.
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