Rheinmetall gerät ins Kreuzfeuer einer Sektorkritik, die über einzelne Projekte hinausgeht. Am Freitag verlor die Aktie 3,2 Prozent und schloss bei 1.036,00 Euro – auf Wochensicht summiert sich das Minus auf 9,9 Prozent. Auslöser ist keine einzelne Hiobsbotschaft, sondern eine Häufung kritischer Berichte über Lieferverzögerungen und Qualitätsmängel in der deutschen Rüstungsindustrie.
Schutzplatten-Mängel werfen Schatten auf Konzern
Im Mittelpunkt der Kritik steht eine Meldung über mangelhafte Schutzplatten aus dem Rheinmetall-Konzernkreis. Berlin hatte zuvor mehr als 5.200 Schutzplatten aus Polizeischutzwesten wegen Mängeln aus dem Einsatz genommen. Parallel bemängeln Bundeswehr und Beschaffungsamt Verzögerungen bei der operativen Abwicklung wichtiger Rüstungsprojekte.
Medienberichten zufolge sehen Anleger die Diskrepanz zwischen starken Quartalszahlen und der praktischen Projektumsetzung zunehmend kritisch – die Branche kämpft demnach damit, Produktionskapazitäten hochzufahren und gleichzeitig Zuverlässigkeit bei Großprojekten unter Beweis zu stellen.
Dabei hatte Rheinmetall im zweiten Quartal operativ deutlich zugelegt: Der Umsatz stieg um 69 Prozent gegenüber dem Vorjahr auf 3,289 Milliarden Euro, das operative Ergebnis legte um 115 Prozent auf 562 Millionen Euro zu.
Der Auftragsbestand liegt über 80 Milliarden Euro. Allerdings senkte der Konzern die Umsatzprognose für 2026 auf 13,7 bis 14,2 Milliarden Euro, nachdem das F126-Fregattenprojekt gestoppt wurde – zudem fiel der operative freie Cashflow deutlich negativ aus.
Operatives Geschäft läuft weiter
Trotz der Kritik meldet Rheinmetall neue Aufträge. Rheinmetall Canada erhielt vom US-Verteidigungsministerium einen Auftrag über Ersatzkomponenten für die mobilen Startgeräte MSU-200NAV der US-Navy im einstelligen Millionenbereich, mit Auslieferungen zwischen Ende 2026 und Ende 2028. Die US-Tochter American Rheinmetall lieferte zudem den ersten von acht Lynx-XM30-Prototypen an die US-Armee aus, der nun in die staatlich geführte Entwicklungs- und Leistungsprüfung geht. Zusätzlich sicherte sich American Rheinmetall einen Auftrag von Kongsberg Defence and Aerospace für gefertigte Komponenten des MCT-30-Turms.
Strategisch bedeutsamer ist der Wettbewerb um die Ablösung der M2-Bradley-Panzerflotte der US-Streitkräfte: Rund 4.000 Kettenfahrzeuge sollen beschafft werden, das Gesamtvolumen wird mit über 45 Milliarden Dollar beziffert. American Rheinmetall bewirbt sich mit dem Lynx XM30 um diesen Großauftrag.
Kurs unter Druck, Ausbau läuft weiter
Der Kurs notiert derzeit rund 5,5 Prozent unter seinem 50-Tage-Durchschnitt von 1.096,57 Euro – ein Zeichen dafür, dass die jüngste Schwäche über eine kurzfristige Reaktion hinausgeht und sich in der mittelfristigen Trendlinie niederschlägt.
Gleichzeitig hält der Konzern an seiner Expansionsstrategie fest: Rheinmetall investiert mehr als 260 Millionen Euro in Nordhessen und baut den Standort Kassel zum europäischen Hub für Panzer, Drohnen und Logistik aus. Zudem ordert die Bundeswehr weitere 149 mobile Rettungsstationen im Volumen von über 500 Millionen Euro.
Für Anleger bleibt die Gemengelage widersprüchlich: Auf der einen Seite stehen Rekordaufträge und ambitionierte Wachstumspläne, auf der anderen wachsende Zweifel an der operativen Umsetzungsfähigkeit. Diese Spannung dürfte die Kursentwicklung in den kommenden Wochen maßgeblich prägen.
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