Es gibt Momente, in denen die Zahlen stimmen und der Markt trotzdem zögert. Die Renk Group liefert gerade so einen Moment. Der Panzergetriebehersteller hat am Donnerstag die besten Halbjahreszahlen seiner noch jungen Börsengeschichte vorgelegt – und die Aktie tat sich zunächst schwer, das zu goutieren. Ein Blick auf das Papier zeigt, wie widersprüchlich sich der europäische Rüstungsboom derzeit an der Börse spiegelt: enorme operative Dynamik, aber eine Bewertung, die längst nicht mehr blind nach oben läuft.
Ein Auftragsberg, der wächst und wächst
Konzernchef Alexander Sagel brachte es am Donnerstag so auf den Punkt: „Mit knapp 1,2 Milliarden Euro Auftragseingang haben wir bereits nach sechs Monaten nahezu das Niveau der ersten neun Monate des Vorjahres erreicht.“ Tatsächlich kletterte der Auftragseingang im ersten Halbjahr um 29,7 Prozent auf rund 1,2 Milliarden Euro, verglichen mit 921,2 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum. Allein im zweiten Quartal kamen 612,8 Millionen Euro herein – das höchste Einzelquartal in der Unternehmensgeschichte. Das Book-to-Bill-Verhältnis, also das Verhältnis von Auftragseingang zu Umsatz, stieg auf 1,9x nach 1,5x im Vorjahr. Der Gesamtauftragsbestand wuchs auf 7,4 Milliarden Euro, nach 6,7 Milliarden Euro zum Jahresende.
Der Umsatz selbst legte mit 637,2 Millionen Euro moderater zu, ein Plus von 2,7 Prozent. Das ist die eigentliche Pointe der Geschichte: Renk sammelt Aufträge schneller ein, als es sie abarbeiten kann. Für Anleger heißt das, Geduld ist Teil des Geschäftsmodells – wer in Rüstungswerte investiert, kauft sich in mehrjährige Umsetzungszyklen ein, nicht in schnelle Umsatzsprünge.
Im Segment Vehicle Mobility Solutions, dem größten Geschäftsbereich, zeigte sich das besonders deutlich: Der Umsatz wuchs um 7,6 Prozent auf 418,6 Millionen Euro, das bereinigte EBIT sogar um 20,5 Prozent auf 80,3 Millionen Euro, die Marge kletterte auf 19,2 Prozent. Getragen wurde das unter anderem von ersten Serienaufträgen für die Antriebssysteme des Patria-TRACKX-Kettenfahrzeugs. Ganz anders das kleinere Segment Slide Bearings: Der Auftragseingang sank um 3,2 Prozent, der Umsatz um 4,4 Prozent, die Marge brach auf 12,5 Prozent ein. Ein schwaches industrielles Umfeld und deutlich höhere US-Zölle drücken hier auf die Zahlen – ein Erinnerungsposten daran, dass nicht jedes Renk-Geschäft im Windschatten der Aufrüstung fährt.
Die Sache mit dem Vertrauen
Der Vorstand bestätigte die Jahresprognose: Umsatz von mehr als 1,5 Milliarden Euro, bereinigtes EBIT zwischen 255 und 285 Millionen Euro, wobei die obere Hälfte der Spanne angepeilt wird. Parallel treibt Renk die Übernahme von David Brown Defence von Stellex Capital Management voran, die Zugang zu Marineprogrammen wie dem Global Combat Ship mit bis zu 34 Schiffen für Kanada, Großbritannien, Australien und Norwegen eröffnen soll. Das Closing wird für das vierte Quartal erwartet. Das ist keine Randnotiz, sondern der Versuch, sich aus dem reinen Landsystem-Geschäft heraus zu diversifizieren.
Und doch: Am Tag der Zahlen kamen Renk-Aktien nach dem ersten Reflex mit minus 0,1 Prozent glimpflich davon, während Rheinmetall um 1,7 Prozent und Hensoldt um 2,9 Prozent nachgaben. Rheinmetall hatte zuvor den Umsatzausblick gesenkt, nachdem das Verteidigungsministerium das milliardenschwere F126-Fregattenprojekt gestoppt hatte – ein Schatten, der über dem ganzen Sektor liegt. Im weiteren Handelsverlauf drehte Renk dann sogar deutlich ins Plus und legte um 5,8 Prozent zu, während Rheinmetall-Papiere schwach blieben.
Heute nun der Kater: Die Aktie notiert bei 50,26 Euro und verliert 2,01 Prozent. Nach dem kräftigen Anstieg der vergangenen Woche wirkt das wie eine Verschnaufpause, keine Kehrtwende. Bemerkenswert bleibt der Abstand zum 52-Wochen-Hoch von 90,20 Euro aus dem Oktober vergangenen Jahres: Mehr als 44 Prozent trennen den aktuellen Kurs noch von dieser Marke. Wer also fragt, ob der Rekordauftragsberg die Bewertung schon wieder rechtfertigt, bekommt vom Markt bislang ein vorsichtiges Vielleicht.
Dazu passt, dass der Verfassungsschutz die deutschen Rüstungsfirmen jüngst zur Wachsamkeit aufrief – ein sektorweiter Hinweis, ohne dass eine konkrete Betroffenheit von Renk benannt wurde. Und institutionelles Geld bewegt sich weiterhin im Papier: BlackRock meldete zuletzt einen Gesamtstimmrechtsanteil von 4,07 Prozent, nach zuvor 4,12 Prozent. Große Adressen bleiben also engagiert, auch wenn sie ihre Positionen leicht nachjustieren. Die Rüstungsrallye der vergangenen Jahre hat einen Reifeprozess begonnen: Es zählen nicht mehr nur Schlagzeilen über Milliardenaufträge, sondern die Frage, wie verlässlich sie sich in Marge und Cashflow übersetzen lassen.
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