Wer im Mai bei POET Technologies eingestiegen ist, sitzt auf einem Verlust von rund 70 Prozent. Wer vor einem Jahr kaufte, liegt trotz des jüngsten Ausverkaufs noch leicht im Plus. Diese Kluft zeigt, wie schnell aus einem Börsenliebling eine Belastungsprobe werden kann.
Die Aktie des kanadischen Photonik-Unternehmens fiel am Mittwoch um 6,07 Prozent auf 5,57 Euro. Über die vergangenen 30 Handelstage summiert sich der Verlust auf 38,18 Prozent. Der Kurs notiert damit rund 70 Prozent unter seinem Hoch vom 15. Mai bei 18,84 Euro.
Der RSI-Wert von 34 nähert sich der überverkauften Zone. Eine stabile Erholung ist trotzdem bislang ausgeblieben.
Der Rechtsstreit, der nicht verschwindet
Mehrere Kanzleien werfen POET vor, seinen steuerlichen Status als Passive Foreign Investment Company falsch dargestellt zu haben. US-Aktionäre seien während des Klagezeitraums 2026 nicht ausreichend vor nachteiliger Steuerbehandlung gewarnt worden.
Zusätzlich soll ein leitender Manager in einem öffentlichen Interview eine Vertraulichkeitsvereinbarung gebrochen haben. Die Folge traf das Unternehmen hart. Marvells Celestial-AI-Einheit stornierte daraufhin sämtliche Bestellungen bei POET.
Dieser einzelne Vorfall löste im Jahresverlauf einen Intraday-Einbruch von 45 bis 47 Prozent aus. Für leerverkaufsorientierte Trader ist das ein gefundenes Fressen. Glaubwürdigkeitsprobleme, komplexe Steuerfragen und eine hohe Kundenkonzentration treffen hier gleichzeitig zusammen.
Die Wachstumsstory bleibt intakt – nur glaubt sie kaum jemand
Das Management hält an seinem Fahrplan fest. Die Produktion optischer Engines soll planmäßig in der zweiten Jahreshälfte 2026 anlaufen. Bis Ende 2027 will POET eine Kapazität von bis zu einer Million Einheiten pro Monat erreichen.
Binnen zwölf Monaten hat das Unternehmen 830 Millionen Dollar an Eigenkapital eingesammelt. Mehr als zehn aktive Kundenbeziehungen sollen künftig jährliche Umsätze von über 100 Millionen Dollar bringen. Eine Liefervereinbarung mit Lumilens untermauert einen Teil dieser Pipeline.
Konkret geht es um eine erste Bestellung über 50 Millionen Dollar für EOI-basierte Engines. Die Beziehung hat laut Unternehmen das Potenzial, kumulativ auf über 500 Millionen Dollar anzuwachsen.
Das eigentliche Problem: Trotz frischem Kapital und bestätigten Produktionsplänen ist die Aktie um rund 60 Prozent von ihren Höchstständen gefallen. Der Markt preist Ausführungs- und Klagerisiken offenbar deutlich stärker ein, als es die Roadmap des Managements nahelegt.
Mein Fazit: überverkauft, aber kein offensichtliches Schnäppchen
Bei einer Marktkapitalisierung von rund 417,5 Millionen Euro handelt POET nur noch zu einem Bruchteil der Bewertung vom Mai-Hoch. Der Kurs liegt weit unter allen relevanten gleitenden Durchschnitten. Ein solcher technischer Befund deutet meist entweder auf eine scharfe Erholungsrally oder eine Fortsetzung des Abwärtstrends hin.
Mit einer laufenden Sammelklage vor Gericht dürfte der Auslöser für eine Erholung kaum aus der Stimmung allein kommen. Solange der rechtliche Überhang nicht weicht oder POET keine harten Umsatzbeweise für den Anlauf der optischen Engines liefert, bleibt die Aktie für mich ein hochvolatiles Schlachtfeld. Von einer stabilisierenden Erholungsgeschichte kann derzeit keine Rede sein.
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