Ein Rechtsstreit um Steuerklassifizierung, ein stornierter Großauftrag und eine Aktie, die binnen eines Monats mehr als ein Drittel ihres Wertes verliert. Bei POET Technologies prallen gerade zwei völlig gegensätzliche Erzählungen aufeinander: Institutionelle Investoren kaufen zu, während Anwaltskanzleien Klagen einreichen. Für Anleger ist das eine schwer zu entziffernde Gemengelage.
Die Aktie des Photonik-Spezialisten schloss am Freitag bei 6,52 Euro, ein Minus von 2,83 Prozent zum Vortag. Auf Wochensicht steht ein Verlust von 10,44 Prozent zu Buche. Seit dem 52-Wochen-Hoch von 18,84 Euro Mitte Mai hat sich der Kurs mehr als halbiert.
Optionsmarkt zeigt Nervosität
POET liefert optische Engines und Lichtquellen für KI-Rechenzentrumsnetzwerke. Genau dieses Zukunftsversprechen macht die Aktie zum Spielball der Optionshändler. Die Stimmung am Optionsmarkt schwankte in der vergangenen Woche fast täglich zwischen bullisch und bearisch.
Eine Analyse von Seeking Alpha bekräftigte derweil ein „Strong Sell“-Votum. Die Begründung: Trotz einer Kapitalaufnahme von rund 830 Millionen Dollar und einer bestätigten Produktionshochlauf-Planung für die zweite Jahreshälfte 2026 liegt der Kurs etwa 60 Prozent unter seinem Hoch. Die Skepsis bei der Bewertung wiegt schwer, auch wenn das Geschäftsmodell selbst intakt wirkt.
Citadel kauft, Kläger formieren sich
Ein Gegengewicht zur Verkaufsstimmung liefern große institutionelle Investoren. Citadel meldete zum 8. Juli eine passive Beteiligung von 5,1 bis 5,9 Prozent an POET. Das Investment fällt in eine Phase, in der das Unternehmen um Glaubwürdigkeit kämpft — Auslöser war die dramatische Stornierung einer Marvell/Celestial-AI-Bestellung im April.
Auf Retail-Plattformen verweisen Marktbeobachter zudem auf Neueinstellungen bei POETs Fertigungspartnern in Penang, darunter Globetronics und Nationgates. Manche werten das als Signal für einen bevorstehenden Produktionshochlauf.
Der Rechtsstreit belastet die Aktie parallel weiter. Eine Sammelklage wirft POET vor, seinen US-Steuerstatus falsch dargestellt zu haben — konkret die Wahrscheinlichkeit einer Einstufung als „Passive Foreign Investment Company“. Der betroffene Klagezeitraum umfasst den 1. bis 27. April 2026. Die Kläger werfen dem Unternehmen vor, negative steuerliche Folgen dieses Status verschwiegen zu haben.
Die Klagen verweisen zusätzlich auf die Folgen der gestrichenen Celestial-AI-Order. Diese hatte am 27. April 2026 einen Intraday-Crash von rund 45 bis 47 Prozent ausgelöst.
Produktionshochlauf bleibt zentrales Argument
Das Management hält trotz der rechtlichen Turbulenzen an seiner Roadmap fest. Bei der Hauptversammlung am 26. Juni wurden alle Vorstandskandidaten wiedergewählt, Davidson & Company als Wirtschaftsprüfer bestätigt. POET erklärte, der Produktionshochlauf für optische Engines liege im Zeitplan für die zweite Jahreshälfte 2026. Bis Ende 2027 will das Unternehmen eine Kapazität von bis zu einer Million Einheiten monatlich erreichen.
Zur Finanzierung dieser Pläne hat POET in den vergangenen zwölf Monaten bereits 830 Millionen Dollar über Aktienemissionen eingesammelt. Über Warrants könnten weitere bis zu 661 Millionen Dollar hinzukommen. Für Ende 2026 plant das Unternehmen zudem Investitionen in Fertigungsanlagen von rund 50 Millionen Dollar.
Nach eigenen Angaben führt POET aktuell mehr als zehn aktive Kundengespräche, die zusammen künftig über 100 Millionen Dollar Jahresumsatz bringen sollen. Noch handelt es sich dabei um Erwartungen, nicht um Verträge.
Charttechnik: überverkauft, aber unter wichtigen Marken
Die annualisierte 30-Tage-Volatilität liegt bei 101,33 Prozent — ein Wert, der die extremen Kursausschläge der vergangenen Wochen unterstreicht. Der RSI von 36,0 deutet auf eine beginnende überverkaufte Lage hin, nachdem der Kurs binnen eines Monats um 37,67 Prozent eingebrochen ist. Trotz des Absturzes seit Mai steht die Aktie seit Jahresbeginn noch mit 13,59 Prozent im Plus.
Die kommenden Monate werden zeigen, ob POET seinen Produktionshochlauf in Malaysia wie angekündigt umsetzen kann. Parallel dazu entscheidet sich im Verlauf des Rechtsstreits, wie teuer die Folgen der Celestial-AI-Stornierung für das Unternehmen tatsächlich werden. Institutionelle Käufe wie die von Citadel signalisieren, dass zumindest ein Teil des Marktes den Kursrutsch als Einstiegschance liest — die „Strong Sell“-Einstufung von Seeking Alpha zeigt, dass diese Einschätzung keineswegs einhellig geteilt wird.
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