Während an den Anleihemärkten die Alarmglocken schrillen, senden die Frühindikatoren der Weltwirtschaft ein ganz anderes Signal. Diese Woche zeigen die PMI-Daten aus den USA, Großbritannien und der Eurozone eine bemerkenswerte Widerstandskraft – ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, an dem steigende Anleiherenditen und geopolitische Spannungen die Börsen durchgeschüttelt haben. Der Widerspruch zwischen robuster Realwirtschaft und nervösen Finanzmärkten prägt den Handel an diesem Freitag.
Dienstleister überraschen weltweit
Der US-Servicesektor liefert die deutlichste Überraschung. Der von Markit Economics veröffentlichte Services-PMI kletterte auf 56,8 Punkte – deutlich über der Prognose von 53,9 und auch klar über dem Vormonatswert von 54,6. Ein Wert über 50 signalisiert Wachstum, und mit diesem Sprung zeigt sich, dass Bereiche wie Finanzdienstleister, IT und Hotellerie kräftiger expandieren als gedacht.
Auch auf der anderen Seite des Atlantiks überrascht der Servicesektor positiv. Großbritanniens Flash-Einkaufsmanagerindex für Dienstleistungen stieg auf ein Sechsmonatshoch von 52,8, nachdem Analysten eigentlich einen Rückgang auf 51,8 erwartet hatten. Unternehmen berichteten von einer Aufhellung der Binnennachfrage – passend dazu kletterte das britische Verbrauchervertrauen auf den höchsten Stand seit August 2024. Chris Williamson von S&P Global sieht darin ein Wachstumstempo von rund 0,3 Prozent für das dritte Quartal, getragen von gutem Wetter und Technologieinvestitionen.
In der Eurozone zeichnet sich ein ähnliches Bild, wenn auch mit einem anderen Treiber. Der Flash-Composite-PMI stieg auf 52,1 Punkte und markiert damit den höchsten Stand seit November vergangenen Jahres. Diesmal ist es die Industrie, die glänzt: Der Fertigungs-PMI erreichte mit 52,8 Punkten ein Vier-Jahres-Hoch, während Deutschland das schnellste Produktionswachstum seit Januar 2022 verzeichnete. Neuaufträge legten so stark zu wie seit 40 Monaten nicht mehr, und Exportbestellungen wuchsen erstmals seit Russlands Einmarsch in die Ukraine wieder. Williamson erklärt sich das mit vorsorglicher Lagerhaltung wegen der Lieferkettenprobleme im Nahen Osten, aber auch mit steigender Nachfrage nach KI-Technologie und höheren Verteidigungsausgaben.
Börsen zwischen Zinssorgen und Erholung
So ermutigend die Konjunkturdaten klingen – an der Wall Street dominierte zuletzt eine ganz andere Geschichte. Alle drei großen US-Indizes steuerten auf einen Wochenverlust von rund zwei Prozent zu, S&P 500 und Nasdaq drohte damit das Ende ihrer dreiwöchigen Gewinnserie. Verantwortlich dafür waren vor allem die Anleihemärkte: Die Rendite der 30-jährigen US-Staatsanleihe erreichte den höchsten Stand seit 2007, getrieben von Sorgen über die ausufernde Staatsverschuldung und hartnäckige Inflationsängste.
Finanzminister Scott Bessent reagierte auf den Druck und kündigte an, das Volumen der Anleiherückkäufe weiter zu erhöhen – nach einer überraschenden Intervention bereits am Mittwoch. Ganz beruhigt hat das die Märkte noch nicht, die Renditen verharren nahe ihrer jüngsten Höchststände. Am Donnerstag traf es besonders Technologie- und Wachstumswerte, Nvidia schloss bereits die fünfte Sitzung in Folge im Minus.
Am Freitagmorgen zeigte sich dann eine vorsichtige Gegenbewegung. Die Futures auf Dow, S&P 500 und Nasdaq 100 drehten ins Plus, Meta und Tesla legten vorbörslich jeweils rund ein Prozent zu. Auch Kryptowerte profitierten von einer Rally: Bitcoin erreichte den höchsten Stand seit Ende Mai, nachdem Präsident Trump den Kongress zur Verabschiedung eines wichtigen Krypto-Gesetzes aufgerufen hatte. Coinbase, Strategy und Robinhood verzeichneten zweistellige beziehungsweise deutlich zweistellige Kurssprünge.
Trotz der Turbulenzen bleibt das Anlegervertrauen in Aktien bemerkenswert stabil. Globale Aktienfonds verzeichneten in der Woche bis zum 19. August Nettozuflüsse von 22,01 Milliarden Dollar – der höchste Wert seit drei Wochen, wie Daten von LSEG Lipper zeigen. US-Fonds allein zogen 11,72 Milliarden Dollar an. Der Grund liegt auf der Hand: Rund 90 Prozent der MSCI-World-Unternehmen haben ihre Quartalszahlen bereits vorgelegt, mit einem gemeinsamen Gewinnwachstum von fast 40 Prozent gegenüber dem Vorjahr. UBS Global Wealth Management honorierte diese Stärke und hob sein Jahresendziel für den S&P 500 auf 8.100 Punkte an.
Bemerkenswert ist allerdings, dass diese Fondszuflüsse noch vor dem heftigen Ausverkauf zum Wochenende erfasst wurden. Steigende Ölpreise – befeuert durch den anhaltenden Konflikt zwischen Washington und Teheran, wo Bessent „die härtesten Sanktionen der Geschichte“ gegen Iran ankündigte – verschärften die Nervosität zusätzlich.
Zinspfad bleibt unklar
Die überraschend starken PMI-Daten stellen die Notenbanken vor ein Dilemma. In den USA hat die Kombination aus robusten Dienstleistungsdaten und zuletzt eher moderaten Inflationszahlen die Markterwartungen für eine Zinserhöhung im September gedämpft – laut CME FedWatch Tool liegt die Wahrscheinlichkeit nun bei 34,6 Prozent, vor einem Monat waren es noch 54,5 Prozent. Die Rede von Fed-Chef Kevin Warsh beim Jackson-Hole-Symposium in der kommenden Woche dürfte hier für mehr Klarheit sorgen, ebenso wie die PCE-Inflationsdaten, das bevorzugte Preismaß der Fed.
In der Eurozone liegt der Fall anders. Trotz nachlassenden Preisdrucks bei Input- und Outputkosten rechnet ein Reuters-Umfrageergebnis mit einer zweiten Zinserhöhung der EZB im September. Williamson warnt, dass die Kombination aus solidem BIP-Wachstum, erstmaliger Neueinstellung von Personal und weiterhin erhöhter Inflation eine restriktive Grundhaltung der Notenbank wahrscheinlich mache.
Für die Börsen bedeutet das: Die fundamentale Wirtschaftslage sendet positive Signale, doch die Zinspolitik bleibt der entscheidende Unsicherheitsfaktor. Nächste Woche dürfte mit den Nvidia-Quartalszahlen ein weiterer Prüfstein für das KI-getriebene Marktnarrativ hinzukommen – und damit zeigen, ob sich die Widerstandskraft der Realwirtschaft auch in nachhaltiger Kursstärke niederschlägt.
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